Wir haben nur eine Erde? Schön wär’s!

Im vergangenen Frühjahr habe ich etwas höchst Ungewöhnliches an mir entdeckt, das weder ich noch sonst jemand, der mich kennt, mir bisher zugetraut hatte: einen grünen Daumen. Gut, sagen wir einen hellgrünen. Zumindest hellgrün anmutend. Ins Hellgrün changierende. Quasi einen, der gern grün wäre. In anderen Worten: Ich entdeckte die Liebe zum Gärtnern. Wohlgemerkt: Liebe. Nicht Erfolg. Nach ausreichend langer Liebe kommt der vielleicht noch, aber im Augenblick kann und soll davon nicht die Rede sein. Meiner Begeisterung tut das allerdings keinen Abbruch.
Alles begann mit einem saisonweise anmietbaren Gemüsegarten, in dem ich den Großteil meiner Sommersonntage verbrachte und selig zwischen Reihen von Mangold und Karotten hockend Unkraut rupfte. Es war die wahre Freude. Und meine ganz persönliche Form der Meditation. Recht schnell beschloss ich, dass sich auch der heimische Balkon meiner neugefundenen Passion nicht länger entziehen sollte. Rundherum gemessen 5,55 m Geländer – das hieß 5,55 m ungenutztes Potenzial. Nichts wie ab in mein neues Shopping-Paradies: das Gartencenter!

Erster Punkt auf der Einkaufsliste: Balkonkästen. Was Schickes, nicht so ein Plastik-Billigzeugs. Soll ja was hermachen. Diese stabilen da vorne im Landhaus-Stil, romantisch-verspielt, in Weiß oder Gelb vielleicht, oder da hinten, die hübschen aus Zinn, schwärmend rief ich dem wunderbaren Mann an meiner Seite zu: „Schau mal hier, sind die nicht …“ – Oh. Ein Preisschild stellte sich zwischen mich und das Objekt meiner Begierde. Nun, bei genauer Betrachtung sind die dünnen Kunststoffkästen für den Anfang ja vollkommen ausreichend. In den erstaunlich gleichgültigen Blick des wunderbaren Mannes an meiner Seite schien sich Erleichterung zu mischen.

Punkt zwei: Balkonkasten-Inhalt. Schön oder nützlich? Schön und nützlich. 2 Kästen Küchenkräuter, 2 Kästen Blumen. Na, das ging ja flott. Prima, dann kann ich das Entscheidungszentrum meines Hirns ja schon mal in den Feierabend schicken.
Nur noch schnell Erde holen. Also einen kurzen Abstecher aufs Außengelände, wo es gerüchteweise in großen Plastiksäcken auf uns warten soll, das torfige Glück. Zielsicher schreiten wir durch die Tür und bleiben verdutzt gleich wieder stehen. Uff. Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. Reihenweise Paletten, auf denen sich Säcke unterschiedlicher Größe und Couleur türmen. Etwas verunsichert laufen wir von Stapel zu Stapel und lesen uns durch den Schilderwald und Preisdschungel. Schnell ist klar, dass hier gar nichts „nur noch schnell“ gehen wird. Das Entscheidungszentrum wird Überstunden machen müssen.
In der nächsten Viertelstunde lernen wir, dass Erde aktiv, torffrei, leicht oder extra-leicht sein kann und dass es unterschiedliche Erdsorten für Gärtnerblumen, Zimmerpflanzen, Grünpflanzen, Bonsai, Kakteen und Hortensien gibt. Erstaunlicherweise hat sogar jede Hortensienfarbe (rot-weiß oder blau) ihre eigene Erde. Fast packt es mich, und angesichts der Absurditäten, die auf den nächsten Paletten auf uns warten, als da wären Rhododendronerde, Buxbaumerde, Tomatenerde und Spezialerde für Knospenheide sowie – bitte ganz langsam und genüsslich lesen – Kübel- und Dachgartenpflanzenerde, will ich mir einen Sack Blaue-Hortensien-Erde schnappen, um darin, im Geiste ganz Rebellin, rote oder weiße Hortensien zu pflanzen. Ha! Dann fällt mir ein, dass Hortensien eher selten auf Balkonen wachsen. Na gut, dann nicht. Sowieso viel zu teuer. Obwohl, die „Spezialerde für fleischfressende Pflanzen – 3 l, 3,99 €“ auf dem nächsten Schild kann das noch toppen. Irre. Ich frage mich, was wohl jemand kauft, der von all diesen Pflanzen ein Exemplar im Garten hat. Erschöpft schleichen wir durch die vorletzte Reihe. Teicherde und Komposterde geben mir den Rest. Und da heißt es immer: „Wir haben nur eine Erde“. Schön wär’s! Müde blicke ich in die inzwischen vollkommen leeren Augen des wunderbaren Manns an meiner Seite: „Und nu?“ Mit letzter Kraft deutet er mit dem Kopf auf einen Stapel links vor mir. „Balkonblumenerde“ lese ich laut vor. Puh. Gerade noch einmal Glück gehabt. Wir packen den Sack Expertenerde auf unseren Wagen. Ich fühle mich erleichtert. Geradezu … geerdet.

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Mitten ins Herz

Für jeden von uns gibt es ganz subjektiv das, was Gustave Flaubert, der französische Romancier aus dem 19. Jahrhundert, das mot juste nannte, also das genaue, das treffende Wort. Er war überzeugt davon, dass gute Literatur nur durch vollkommene Präzision und Sorgfalt bei der Formulierung entstehen könne. Genauer betrachtet ein Rat, den man so manchem Schreiberling heute gerne wieder ans Herz legen würde…

Doch auch außerhalb der schreibenden Zunft ist das ein interessantes Konzept. Jedes Wort hat nicht nur eine ganz bestimmte Aussage, sondern auch eine Wirkung. Genau genommen sogar zwei. Die generelle Wirkung, die es im Zusammenspiel mit seinen jeweiligen Textabschnittsgefährten (Deckname Kontext) ausübt und die individuelle Wirkung, die es in jedem von uns entfalten kann, sozusagen die Glocke, die in unserem Inneren klingelt, wenn wir etwas ganz Bestimmtes mit diesem Wort oder Ausdruck verbinden.

Mit wohl gewählten Worten lässt sich daher viel erreichen. Das wissen nicht nur Politiker (die es allerdings zu meinem Leidwesen oft genug nur noch im Umkehrschluss beherzigen, also statt die richtigen Worte zu suchen sich ausschließlich auf die Vermeidung der falschen konzentrieren – drohenden Medienstürmen sei Dank), Sektenführer, Dichter und begabte Redner. Eigentlich kennen wir das doch alle. Diesen Moment, in dem es uns erwischt. Da reicht eine Textzeile in einem Lied, der Kommentar eines Freundes, ein Satz aus einem Buch oder ein Wort im Radio, und es trifft uns mitten ins Herz. Die Worte lösen etwas in uns aus. Simples Entzücken ob ihrer Schönheit, warmen Zuspruch ob ihrer Wahrheit, stille Sehnsucht ob ihrer Weisheit, sanfte Wehmut ob der Erinnerungen, die sie in uns aufsteigen lassen oder tiefe Erleichterung ob der urplötzlich glasklaren Erkenntnisse über die Welt, über das Leben oder uns selbst.

Die richtigen Worte im richtigen Moment sind wichtiger, als so mancher heute glaubt. Eine Prise Flaubert könnte unserer modernen Gesellschaft da nicht schaden. (Übrigens, angesichts des drohenden Valentinstags, auch so mancher Partnerschaft nicht.)
Ganz klar: Man kann sie nicht immer treffen, die richtigen Worte – aber man kann immer jemanden treffen, mit seinen Worten. So oder so. Bedenkenswert, finden Sie nicht?

Wörter, die wirken

Wörter sind viel mehr als die kleinen Puzzleteile, aus denen sich unsere Sprache zusammensetzt, viel mehr als die gewollte oder zufällige, über die Jahre gewachsene, feingeschliffene, reformierte, zurückreformierte, logische oder unlogische Zusammensetzung einzelner Buchstaben. Wörter sind (dank des Fernsehens sogar oft genug öffentliche) Verkehrsmittel. Denn sie transportieren etwas – wohlgemeinte und weniger wohlgemeinte Aussagen, Weisheiten, aber auch Dummheiten, Meinungen oder Bilder. Wörter wirken – wenn man weiß, wie man sie einsetzt. (Dass das viele heute nicht mehr zu wissen scheinen, ist ein anderes Thema…)

Wörter können Waffen sein.
Wohl jeder von uns kennt die Situation, in der ein einziges falsches Wort ausreicht, das einen genau in den wunden Punkt trifft und tiefer verletzt als jedes andere. Der Schmerz, den wir im Innern fühlen ist oft schwerer zu ertragen und zu überwinden als der, der von außen auf unseren Körper wirkt. Das sollte man nie vergessen, vor allem nicht, wenn man auf der anderen Seite des Worts steht und es an einem selbst ist, sich für das rechte oder das falsche Wort zu entscheiden. Rache mag Blutwurst sein. Doch Wörter sind Waffen. Und Waffen sind gefährlich. (Und Blutwurst ist ohnehin eine Geschmacksfrage.)

Wörter können eine Ziege sein, die an der Fußsohle leckt.
Zum Beispiel, wenn ich im Restaurant sitze. Dass korrekt geschriebene Speisekarten in etwa so häufig vorkommen wie rosafarbene Einhörner weiß ich ja. Ich bin also mental schon auf Schreibfehler eingestellt. Und dann sehe ich Bambi-Goreng – und pruste los.
Oder wenn der wunderbare Mann an meiner Seite versucht, aus meiner, ähem, sagen wir: kreativen Handschrift auf dem Einkaufszettel Sinnvolles herauszulesen und voller Freude über die Erkenntnis laut Kirrbiss sagt. Manche Wörter treffen eben direkt mein (recht großzügig proportioniertes) Humorzentrum. Das lässt andere auch schon einmal ratlos zurück, und manchmal, ein paar Stunden, Tage oder Wochen später, sogar mich selbst. Aber was soll’s? Ich habe auf jeden Fall immer viel zu lachen.

Und Wörter können Zwiebeln sein.
Wenn ich das Wort Jahresrückblick in der Fernsehzeitschrift lese, bekomme ich schon feuchte Augen. Genauso geht es mir bei dem Wort Abschied. Und als Mel Gibson damals in Braveheart kurz vor der Hinrichtung aus voller Kehle Freedom brüllte, da entleerten sich meine Augen geradezu sturzbachartig aller ihrer Tränen. Zugegeben, der Film selbst, die Bilder und die Musik hatten ihren Anteil daran – dennoch ist es letztlich dieses eine Wort, das wirkte. Hätte er an derselben Stelle, nun, sagen wir einmal: Mama gerufen, wäre die Wirkung ungleich anders gewesen.

Was ich damit sagen will? Wählen Sie Ihre Worte weise! Wirken Sie – mit Wörtern, die wirken!

Betonung ist alles

Letztens ist mir aufgefallen, wie ähnlich das Deutsche doch dem Chinesischen ist. Doch, wirklich! Denn in beiden Sprachen kommt es auf die richtige Betonung an. Man kennt das ja: Einmal im Chinesischen die falsche Tonhöhe erwischt – zack, schon jemanden beleidigt statt begrüßt. Das passiert im Deutschen jetzt natürlich eher selten. Aber in beiden Sprachen gilt: kleine Unterschiede in der Betonung – große Wirkung.

Auf eine simple Frage wie Warum stehen wir hier? gibt es zum Beispiel vier verschiedene mögliche Antworten und Anwendungen – je nach Betonung:

  1. Warum stehen wir hier?
    Antwort: Siehst du da ganz hinten, auf der anderen Seite vom Platz dieses kleine weiße Rechteck am Ende der Schlange? Das ist der Container mit den Damentoiletten. Ich liebe Weihnachtsmärkte…
  2. Warum stehen wir hier?
    Antwort: Weil alle Plätze in diesem Bus besetzt sind. Immer diese Rentner, die einem die Sitzplätze wegnehmen.
  3. Warum stehen wir hier?
    Antwort: Na, um ehrlich zu sein – ich habe keine Ahnung, denn ich kenne Sie gar nicht.
  4. Warum stehen wir hier?
    Antwort: Du meinst, hier an der Klippe? Ach, ich mag einfach dieses Gefühl, direkt am Abgrund zu stehen. Rückt die Prioritäten im Alltag so schön zurecht.

Und das machen wir nicht nur mit Sätzen, sondern auch mit einzelnen Wörtern:

  1. a) Ich gehe mal übersetzen. = Ich schwing mich mal an den Schreibtisch (und mache aus dem englischen Text einen deutschen).
    b) Ich gehe mal übersetzen. = Ich schwing mich mal auf die Fähre (ans andere Rheinufer oder so).
  2. a) Das wird wieder modern. = Behalt das mal, irgendwann ist das wieder Mode. (Das ockerfarbene Kleid. Jeder Trend kommt wieder. Wirklich jeder. Ob wir wollen oder nicht.)
    b) Das wird wieder modern. = Behalt das bloß nicht, sonst schimmelt das wieder alles voll. (Iiieh!!)
  3.  a) Du solltest das umfahren. = Fahr einen Umweg. (Sonst stehst du nachher noch im Stau).
    b) Du solltest das umfahren. = Fahr einfach drüber. (Ein Verkehrshütchen mehr oder weniger … Hauptsache, Parkplatz.)

Was lernen wir daraus? Immer schön auf die richtige Betonung achten. Ganz nach dem Motto: Wecke den Chinesen in dir!

Zitieren Sie ruhig

„Das Wichtigste im Leben finden wir nicht durch intensive Suche, sondern so, wie man eine Muschel am Strand findet – im Grunde findet es uns.“ Dieser Sinnspruch stand auf einer Postkarte, die mir eine enge Freundin vor vielen Jahren schenkte und er traf mich – mitten ins Herz und mitten in mein schon immer sehr ausgeprägtes Pathos-Zentrum. Als Sprachliebhaberin fasziniert es mich, wie man mit nur einem Satz eine Wahrheit auf den Punkt bringen kann, und zwar genau auf den Punkt, der mich erst vor Rührung dahinschmelzen („Ach, wie schön!“), dann vor Weisheit erleuchten („Ach, wie wahr!“), vor Ehrfurcht vor der Erleuchtung des Zitierten erschaudern („Ach, wie klug!“) und schließlich im vollkommenen Verständnis des Lebenssinns zustimmend nicken lässt („Ach, genau so!“). Richtig, ich bin eine von denen, die im Schreibwarengeschäft versonnen lächelnd die Kartenständer drehen. Die wie Goethe glaubt, dass man auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, etwas Schönes bauen kann, die wie Kierkegaard einsieht, dass man das Leben nur rückwärts verstehen kann, aber vorwärts leben muss, die wie Gandhi meint, dass wir selbst die Veränderung sein müssen, die wir in der Welt sehen wollen und die Georg Christoph Lichtenberg eifrig zustimmt, wenn er sinniert: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen: es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“

Meine geliebten Weisheiten sind im Grunde nicht mehr als ein paar wohlklingend aneinandergereihte Wörter. Ein paar kleine Wörter, mit einer großen Wirkung (zumindest bei so emotional bis sentimental-pathetisch veranlagten Menschen wie mir). Sie spenden Trost, zeigen den Weg, geben guten Rat oder bringen einen einfach zum Lachen. Sie lassen sich in fast jeder Lebenssituation anbringen, eignen sich ideal als letztes Wort, machen sich hervorragend auf Geburtstagskarten und lassen sich gut verwenden, um den ein oder anderen gutgemeinten Ratschlag elegant zu verpacken. Überhaupt finde ich, dass Zitate einen viel größeren Platz in unserem Alltag einnehmen sollten. (Gut, wohl bedingt durch meine frühkindliche Peter-Alexander-Film-Prägung finde ich auch, wir sollten alle statt einer normalen Antwort im Alltag viel öfter mal spontan lossingen – aber das ist ein anderes Thema.)

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein zitatreiches und glückliches neues Jahr! Und halte es dabei mit Goethe: „Das neue Jahr sieht mich freundlich an, und ich lasse das alte mit seinem Sonnenschein und Wolken ruhig hinter mir.“

 

Mein Name ist Astrid und ich bin Wortoholiker

Ich oute mich heute – als Fan von veralteten, aus der Mode gekommenen deutschen Wörtern. Ja, auch ich gehöre zu der kleinen Gruppe von Sprachliebhabern, die sich tapfer der großen Entwicklung entgegenstemmen und versuchen, im Alltag Wörter vor dem Aussterben zu retten, indem sie sie fleißig und beständig bei jeder sich bietenden Gelegenheit unterbringen. Manche Wörter sind einfach zu schön. Und fast genauso schön ist dann manchmal auch der Gesichtsausdruck des jeweiligen Gesprächspartners…

Hier einmal ein paar meiner Lieblinge:

1. Schleierhaft. Ich bin ein großer Verfechter des Ausdrucks „Das ist mir vollkommen schleierhaft!“ und finde, er passt praktisch in jedes Gespräch. „Keine Ahnung“ oder „Weiß ich doch nicht“ kann schließlich jeder.

2. Erquicklich. Warum sagt das heute keiner mehr? Ein ganz wunderbares Synonym für „klasse“, „prima“, „erfrischend“ oder „supergeil“. Finden Sie nicht?

3. Ohnehin. Das kleine Wörtchen wird immer mehr vom „sowieso“ verdrängt, daher benutze ich es quasi täglich.

4. Himmel, Arsch und Zwirn. Das ist doch mal ein Fluch! Nicht immer dieses ewige, langweilige SCH-Wort. Ich war ganz entzückt, als der wunderbare Mann an meiner Seite mir erzählte, dass sein Chef genau diese Worte tatsächlich im Büro benutzt hatte. Wie erquicklich! Meine Begeisterung stieß allerdings mehr auf Unverständnis…

5. Betrüblich. Betrüblich klingt in meinen Ohren unendlich viel eleganter als „traurig“. Aber es ist ein Wort für besondere Anlässe. Das hebe ich mir auf, für Menschen, die es zu schätzen wissen. Ich will schließlich nicht, dass es ausgelacht wird, mein kleines, feines schönes Wort.

6. Blümerant. Ich gebe zu, dieses Wort lässt sich eher selten im Alltag anbringen. Zumal man ja auch eher vermeiden möchte, dass einem blümerant zumute ist (für alle, die es nicht wissen: das ist beispielsweise der Zustand kurz vor einer Ohnmacht). Aber es ließe sich ja auch im Rahmen einer Beschwerde ein „Da wird einem ja ganz blümerant!“ denken. Jetzt muss also nur noch ein Grund zur Beschwerde her!

Soweit meine Top 6 (Top 5 kann ja jeder). Famos, nicht wahr?

 

Spätblüher

Meine Freundin beschwerte sich letztens, ihr etwas über zweijähriger Sohn würde immer noch kaum sprechen. Er hätte stattdessen eine äußerst lebendige Gestik und Mimik entwickelt, um sich zu verständigen und käme ansonsten mit drei Wörtern durchs Leben. Der Gedanke hat – besonders angesichts des unglaublich niedlichen Gesichts, das der kleine Kerl machen kann (was ich als Patentante natürlich vollkommen neutral und von außen beurteilen kann – dieses Kind ist einfach objektiv das Hübscheste überhaupt) – durchaus eine komische Komponente. Allerdings weniger aus Sicht meiner Freundin. Ihr war es dann doch unangenehm, wie ihr Sohn der Arzthelferin mit wilden Schlägen auf den Arm klarmachen wollte, dass er sich woanders grade sehr viel besser fühlen würde als beim Arzt. Nachdem meine Freundin dann noch eine demütigend lange Liste mit Wörtern in die Hand gedrückt bekam, in der sie verschämt zwei Kreuzchen setzte, bei den Wörtern, derer ihr kleiner Sonnenschein schon mächtig ist, fällte der (halbe, ganze, geviertelte?) Gott in Weiß schnell das Urteil: Late Talker. (Ja, diesen wunderschönen logopädischen Fachbegriff gibt es wirklich und die große Suchmaschine spuckt erstaunlich viele Treffer dazu aus.) „Ihr Sohn ist ein Late Talker!“ Ach, was! Ehrlich? Das wär ja ohne diese Untersuchung NIE aufgefallen. Es ist ja nicht so, als hätte man schon einmal versucht, mit seinem Kind zu sprechen. Wer will das auch? So eine Einbahnkommunikation hat schließlich viel für sich. Also, es sei denn, das Late-Talker-Kind kommt plötzlich auf die Idee, seinen Widerspruch darin zu äußern, praktisch alles, was nicht niet- und nagelfest ist, zu greifen und mit voller Wucht auf den Boden zu schmeißen. Aber das ist dann eben Pech. Bleibt nur zu hoffen, dass aus dem „Late Talker“ bald ein „Late Bloomer“ (quasi ein „spätblühendes“ Kind) wird. Das sind dann Kinder, die den Rückstand mit drei Jahren aufgeholt haben.