Ganz schön viel Lametta

Sonntag, der dritte Advent. Wir befinden uns im Wohnzimmer einer gewissen Übersetzerin und eines gewissen wunderbaren Mannes, der an ihrer Seite lebt. Der nigelnagelneue Christbaumständer „Comfort S“ steht endlich am richtigen Platz und umklammert so fest er eben kann die am Vortag erstandene und im richtigen Licht eigentlich kaum noch asymmetrische Tanne der weihnachtlichen Begierde. Eine hübsche in heimeligem Gelbweiß strahlende Lichterkette umrankt das Bäumchen und sorgt für gemütliche Grundstimmung. Davor eine offene Kiste mit roten Christbaumkugeln und roten und goldenen Holzengelchen zur Verzierung des nadeligen Grüngewächses.

Auftritt Übersetzerin, gefolgt vom wunderbaren Mann an ihrer Seite.
„Schluss mit Früher war mehr Lametta! Jetzt wird endlich wieder geglitzert.“ Selig lächelt sie die silbernen Fäden in ihren Händen an und reißt die Packung auf. Er seufzt. Sie greift beherzt zu, positioniert sich frontal vor dem Baum und – ja, und nun? Das letzte Lametta liegt Jahrzehnte zurück. Schwungvoll hängt sie ein gutes Bündel des Glitzerguts probeweise über einen Zweig. Ähm, nein. Der Gatte gluckst ungläubig. Zweiter Versuch. Neuer Zweig, weniger Fäden, selbe miserable Wurf-Hänge-Technik. Oh Gott. Hat es am Ende doch einen Grund, dass heute weniger Lametta ist? Der Gatte gluckst wieder und entreißt ihr den silbrigen Zierrat. „Da muss wohl mal ein Christbaumschmückprofi ran.“ – „Bist du jetzt etwa Lametta-Experte, oder was?“ Und, so erstaunlich das ist, innerhalb von Sekunden ist klar: Ja, ist er. Oder, in seinen eigenen Worten: Lametta-Künstler.

Verlassen wir nun besagtes Wohnzimmer und begeben uns in den Kopf der gewissen Übersetzerin, die dem wunderbaren lamettabegabten Mann an ihrer Seite inzwischen nur noch bewundernd bei der Arbeit zusieht.
Lametta … woher kommt das eigentlich? Gleich mal soocheln. Klar, aus dem Italienischen, dachte ich mir. Die Verkleinerung von „lama“, das heißt „Metallblatt“. Aha, und hier steht ja auch, dass die Italiener angeblich die ersten waren, die auf die Idee kamen, Weihnachtsbäume damit zu schmücken. Gut, wäre das schon mal geklärt.
Hihi, in mehreren Wörterbüchern wird das italienische „Lametta“ nur mit „Rasierklinge“ wiedergegeben. Heißt das auf Italienisch inzwischen etwa ganz anders? Orpello, capelli d’angelo, Lametta – wer weiß das schon, das Internet auf jeden Fall nicht so richtig. Hätte ich Italienisch im Studium bloß mal länger durchgezogen. Ah, ein Eintrag vom großen Versandhändler. Was ist das denn?? Hahahahahaha … hahahaha …

An dieser Stelle steigen wir mal lieber wieder aus dem Kopf der Übersetzerin aus, bei diesen Lachbeben rüttelt und schüttelt es immer so. Und wenden uns stattdessen dem Grund des Heiterkeitsausbruchs zu, einem zunächst viel belächelten, von manchen heute groß gefürchteten, oft heiß diskutierten und heiklen Thema: der maschinellen Übersetzung.
Der Konzern mit der großen Suchmaschine versucht sich da ja schon länger drin. Gibt man dort zum Beispiel ein: „Früher war mehr Lametta“, dann kommt auf Italienisch: „Prima c’era più tinsel“ heraus. Zwar sehr wörtlich übersetzt, könnte (soweit meine kümmerlichen 3 Semester Italienisch mich das beurteilen lassen) bis auf das letzte Wort aber hinkommen. „Tinsel“ klingt aber nicht italienisch, finden Sie? Völlig richtig, denn das ist das englische Wort für Lametta. Wenn man nicht weiterweiß, einfach englisch sprechen. Tse. Typisch Ami.

Seit einiger Zeit gibt es übrigens eine andere Maschine, die das alles etwas besser kann, die Satzbau und auch Metaphern öfter mal erkennt und ständig dazulernt.* Vor der haben manche Übersetzer jetzt Angst. Ich eher nicht, weil ich keiner Maschine, auch keiner künstlichen Intelligenz, die Kreativität zutraue, mit Sprache und Worten so zu spielen, wie wir Menschen das können.

Aber zurück zum Thema: Lametta. Lustig. Es ist so: Ein britischer Anbieter bietet beim großen Internet-Versandhändler Lametta zum Verkauf an. Klickt man dort auf die Infos zum Artikel findet man die folgenden schlagenden Verkaufsargumente:

– „Schlank Dekoration auch bekannt als Capelli d’Angelo oder Rasierklinge“ (Aua!!!)
– „Ideal für Baum Dressing oder Haus Verarbeitung in der gesamten the Year“ (Yeah!)

Sowas bringt die gemeine Übersetzerin unter uns schon mal zum Lachen. Und wenn sie damit fertig ist, applaudiert sie dem wunderbaren Künstler an ihrer Seite pflichtschuldigst lächelnd und bei sich denkend: Also so viel mehr Lametta kann das früher nicht gewesen sein.

 

 

*Wen es interessiert: Die neue Supermaschine bietet für „Früher war mehr Lametta“ gleich drei Möglichkeiten an, unter anderem „Ci sono stati più orpelli“ (Es gab einmal mehr Lametta) und „C’era un tempo più orpello“ (Es war einmal mehr Lametta). „Orpello“ findet man in so manchem Wörterbuch für Lametta. Vorausgesetzt, das stimmt (ich als Übersetzerin traue ja keinem Wörterbuch), ist recht bemerkenswert, dass „Lametta“ hier einmal als Substantiv und einmal als Adjektiv erkannt wurde, und nicht wörtlich am Ausgangstext geklebt wurde. Nicht mal so schlecht (zumindest aus der Sicht von jemandem, der nur 3 Semester Italienisch hatte). Immerhin intelligenter als beim großen G.

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Winterweihnachtsworte

Winterstille Wolken wittern,
während wir warten, warten, warten,
wann Wunderwatteregen wohl
Wege wie Wiesen
weißwaschen
wird.

Wohnungen werden wohlgewärmt,
wintergewappnet, weihnachtsverziert.
Wintertanne wie Weihnachtsgans,
Würstchen, Wachteln, Wildragout
würzen wohlige Wohnzimmerluft,
widerstrahlen Weihnachtsduft.

Weihnachtstellerweise werden
weiche Wampen wohlgefüllt,
Weihnachtsplätzchen weggenascht,
Wunschzettelwünsche wahrgemacht.

Woraufhin wir weihnachtsselig
weise Weihnachtswünsche wispern,
weltweit Waffenstille wittern,
Weltenglück wie Wohlstand wähnen,
weithin Wohlsein
weithin Wonne
weithin Wahnsinnsweihnacht‘ wünschen.

Alle Jahre wieder… oder: Nein, das schreibt man nicht so!

Alle Jahre wieder verschickt man Weihnachtsgrüße an Bekannte, Verwandte, Geschäftspartner und Freunde. Und dabei geht, aus sprachlicher Sicht, erstaunlich viel schief (wahrscheinlich kommt Weihnachten und der damit verbundene Wunsch danach, Grüße in die Welt zu schicken, jedes Jahr genauso überraschend wie der Winter, auf den außer den Bayern ja auch nie jemand vorbereitet ist. Vielleicht sollte ich bei der ARD mal einen Brennpunkt zum Thema Weihnachtsgrüße einfordern).

1. Es fängt schon beim Gruß selbst an. Gerne wird ignoriert, dass das neue Jahr aus orthografischer Sicht genau das Gleiche ist wie das alte, weil bei beiden das Adjektiv kleingeschrieben wird. Auch wenn man auf unzähligen Karten den Schriftzug Frohes Neues Jahr liest – richtig hieße es Frohes neues Jahr. Wer auch immer da versucht hat, die Grußkartenindustrie zu unterwandern und allen Grußkartenschreibern eine Gehirnwäsche zu verpassen, hat wirklich gründliche Arbeit geleistet…

2. Das nächste Problem lauert am Briefanfang. Hinter dem sehr verbreiteten Fehler, nach Lieber Freund/Liebe Freundin (o. ä.) in der nächsten Zeile großzuschreiben, vermute ich das allbekannte Unternehmen, dessen Markenzeichen bei täglichem Verzehr angeblich die Gesundheit erhält. Denn die Autokorrektur seiner Handys ist dort seit jeher so eingestellt, dass es heißt:
Liebe Freundin/lieber Freund,
Ich wünsche dir…
In Amerika, wo das Unternehmen herkommt, ist das auch richtig. Im Englischen eben. Wie auch in vielen anderen Sprachen (wie z. B. Französisch). Aber nicht im Deutschen. NICHT IM DEUTSCHEN! Da muss es heißen:
Liebe Freundin/lieber Freund,
ich wünsche dir…

3. Für alle, die getippte Weihnachtsgrüße versenden: Immer schön aufpassen, dass Weihnachten seine bewährte Buchstabenformation beibehält. Schneller als man glaubt hat man seinen Geschäftskontakten Frohe Weichnachten oder Ein erholsames Weinachtsfest gewünscht…

4. Die letzte Tücke verbirgt sich in der Abschiedsformel (natürlich nicht nur bei Weihnachtsgrüßen, sondern generell in jedem Schreiben). Vermutlich aus dem Englischen haben wir uns abgeschaut, zwischen den lieben, freundlichen, herzlichen oder besten Grüßen und unserem Namen ein Komma zu setzen, das da aber gar nicht hingehört. Also im Englischen schon. Aber NICHT… Sie wissen schon. Allerdings weiß mindestens die Hälfte der deutschen Bevölkerung nichts davon (auch ich war da als junger Mensch viel zu beeinflussbar, man gerät in Sachen Interpunktion ja so leicht auf die schiefe Bahn!). Vorsichtshalber noch einmal langsam und zum Mitschreiben für alle:
Es heißt
Herzliche Grüße
Astrid
Ganz ohne Komma oder sonstiges Satzzeichengedöns.

So, jetzt aber mal ganz schnell zurück in die besinnliche Vorweihnachtsstimmung, die ich dazu nutzen möchte, all meinen lieben Lesern nun erholsame Feiertage, ein wunderschönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünschen, bevor ich mich in einen ganz kurzen, klitzekleinen Jahresendurlaub verabschiede. Ab dem 5. Januar geht es mit frischen Blogbeiträgen weiter. Versprochen!