Die Geschichte vom Weißkohl und den Dödölle

Dezember 2017. Draußen winterähnliches Wetter. Drinnen schön warm und muggelig, die Couch verlockend weich. Dem wunderbaren Mann an meiner Seite und mir ist nach Fernsehen. Schau an, auf arte gibt es eine kleine Doku über den ungarischen Balaton (Plattensee) und seine kulinarischen Facetten. Sehr schön, vielleicht kann ich noch etwas lernen, schließlich steht ja Ende des Monats die Verwandtschaft aus Budapest auf der Matte. Tja … um die Spannung jetzt nicht bis ins Unermessliche wachsen zu lassen: Der Lerneffekt hielt sich in Grenzen. In sehr, sehr engen Grenzen.

Dabei fing es so schön an. Mit zauberhaften Bildern, die eine ursprüngliche, menschenverlassene Landschaft rund um den Balaton zeigen, den See im Winter, das Schilf am Ufer, das sich im Winde wiegt. Ich bin überrascht, denke ich doch zuerst an die Kindheitserzählungen des wunderbaren Mannes an meiner Seite, in denen von unromantischen Betonstegen die Rede war und dann an die Bilder aus einer anderen Reportage, in der leere deprimierend graue Betonhotels in wirklich sehr unromantischer Plattenbauweise am Rande des Sees die zwei oder drei letzten Touristen auf Betonterrassen mit unpassend grellen und aufdringlich blinkenden Leuchtreklamen spuckten. Ganz offensichtlich ist der See aber größer und betonloser, als ich dachte. Müssen wir beim nächsten Urlaub gleich mal überprüfen, notiere ich mir still auf meiner imaginären Muss-ich-sehen-Liste.

Mit der Titelmelodie und den ersten Bildern endet allerdings auch der Bildungsauftrag, den man einem Sender wie arte ja unterschwellig irgendwie immer unterstellt. Der Rest des Berichts liegt irgendwo zwischen Entsetzen und absurder Komik.

Erstes Thema: Káposzta (Sauerkraut). Dorf Nr. 1. Eine Frau, deren Mann László heißt, wie alle ungarischen Männer (na gut, fast alle), steht mit ihrem 10-jährigen Sohn in der Küche und reibt Kohl über einen Hobel mit Holzgriff, der seinem Äußeren nach zu urteilen bereits seit Generationen in der Familie weitervererbt wird, ebenso wie der große Bottich aus sehr dunklem Holz, den sie permanent mit den neusten Hobelergebnissen und Gewürzen befüllt. Dann fordert sie das barfüßige Kind auf, in das urzeitlich anmutende Gefäß zu klettern und auf dem Kraut herumzutrampeln (womit es, wie es scheint, ab jetzt den Rest seiner Sommerferien verbringen darf, da es mit seinen zehn Jahren im perfekten Stampfalter sei und das ganze Dorf auf seine Trampelqualitäten warte). Die Mutter strahlt in die Kamera: „Das Wichtigste in meinem Leben ist mein Mann, direkt danach kommt der Weißkohl.“ Kameraschwenk auf das Kind.

Nächstes Dorf, nächstes Thema, und mein zweites sprachliches Highlight: Dödölle (Schupfnudeln). Von dem lebenswichtigen Weißkohl bereits in eine alberne Grundstimmung versetzt beschert mir der in den nächsten Minuten unfassbar oft rezitierte Name des Gerichts einen geradezu unwürdigen Lachkrampf.
Stoppen kann mich nur die Verwunderung über fünf verheiratete Frauen im besten Alter, die mitten im Winter in einer Art Dorf-Grillhütte samt Steinofen und Kochfeld stehen, und, als wäre es das Normalste der Welt, in Daunenjacke und mit Schal umwickelt besagte Dödölle zuzubereiten. Die forscheste unter ihnen unterweist ihre Freundinnen in der versierten Nockenformung mit zwei Löffeln statt mit den Händen, was eine rege Diskussion auslöst.

Auf weitere sprachliche Highlights habe ich leider vergeblich gewartet. Dafür beglückt mich arte mit Szenen von Männern (Lászlós und Nicht-Lászlós) bei der winterlichen Schilfernte, die in ihrer Pause am Seeufer stehend die von den Frauen gebrachten Dödölle probieren, sich selbst und ihre Arbeit sehr wichtig finden und herzlich lachen, als einer sagt, dass die Schilfernte eben echte Männerarbeit sei.
Noch während meine Hand auf meine Stirn klatscht, erscheint eine große, laut ratternde, sehr alte Webmaschine im Bild, dahinter eine nicht minder alte Frau mit absurd orangen Haaren, die einzeln im Zeitlupentempo Schilfstangen in die Maschine wirft, auf dass in ferner Zukunft eine Schilfmatte daraus werde. Eine jüngere Frau steht daneben und sieht der Arbeit zu. Zwischendurch kocht ein László Gulasch, später langweilt ein Opa seinen brav frierenden Enkel noch beim Eisfischen im zugefrorenen See, bevor 26 Minuten voller nervenzerreißender Spannung schließlich zu Ende gehen.

Aber zurück zum Lerneffekt. Was habe ich nun also aus dem halbstündigen Ausflug ins Bildungsfernsehen für mich mitgenommen, abgesehen von dem Urlaubstipp?

1. Hauptzutat in allen ungarischen Gerichten sind Zwiebeln.

2. Mindestens zwölf Menschen aus zwei ungarischen Dörfern irgendwo am Balaton scheinen ein echt schräges Leben abseits jeglicher Emanzipation und moderner Küchengeräte zu führen.

3. Wer Sauerkraut machen will, braucht ein zehnjähriges Kind.

4. Dödölle ist ein sehr, sehr lustiges Wort.

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Ich bin’s, Dein Blog

Über Werbung kann man ja geteilter Meinung sein. Mich persönlich nervt sie meist. Ich mag einfach nicht, dass mich jemand manipulieren will  – nichts anderes ist es doch, wenn man mir einreden möchte, dass ich Dinge bräuchte, von denen ich bisher noch gar nicht wusste, dass ich sie brauche oder dass sie existieren. Spannend finde ich wiederum, die Tricks der Werbung zu entlarven, die ja bei anderen Menschen durchaus ihre Wirkung entfalten. Bei dem wunderbaren Mann an meiner Seite zum Beispiel, der nach einem 15-Sekunden-Spot am liebsten sofort losfahren würde, um den neuen „Kraftreiniger“ fürs Badezimmer zu kaufen. Um ihn davon zu überzeugen, dass wir diesen Reiniger nicht brauchen, weil er – trotz „Aktivschaum“ und „neuer kraftvoller Reinigungsformel“ – nicht mehr kann als die fünf anderen, die wir bereits besitzen, brauche ich deutlich länger als 15 Sekunden. An Effizienz kann ich mir also noch einiges abschauen.

Interessant ist aber auch einfach, mit welchen Stilmitteln die Werbesprache arbeitet. Ich will nur einmal drei herausgreifen:

1. Die gute alte Wiederholung. Schon mein Biolehrer auf dem Gymnasium damals pflegte zu sagen, dass der beste Weg ins Gedächtnis über die ständige Wiederholung führt. Sehr zu Herzen hat sich das (leider!) ein süddeutscher Müslihersteller genommen, der uns seit Jahr und Tag im Radio seinen Namen und die Botschaft „Lecker!“ im Zusammenhang mit seinem Produkt einzutrichtern versucht, indem er beides oft, also wirklich sehr oft, wiederholt. Geschafft hat er damit zumindest eins: jeder kennt die Werbung und den Namen, sogar ich. Gekauft habe ich sein Müsli trotzdem nie…

2. Unter den neueren Trends: der Werbegegenstand kann selbst sprechen. Das soll eine stärkere Verbindung zum Zuschauer schaffen, diesen quasi selbst zu einem Teil des Werbespots machen. So heißt es bei dem einem Möbelhaus: „Ich bin Dein Schlafzimmer. Und ich bin Dein Badezimmer.“ Und bei einem anderen Einrichtungshaus sogar gleich: „Ich bin es… Deine Inspiration“.

3. Aus alt mach neu. Eine Waschmittelwerbung behauptet, dass die Wäsche nicht nur sauber, sondern „porentief rein“ werde. Porentief? Also meine Wäsche hat keine Poren, sondern Fasern. Aber die Verbindung zum tatsächlich porentief wirkenden Gesichtsreiniger schafft die Assoziation „Hygiene“, die hier gewollt ist. Abgesehen davon, dass eben ein neuer Ausdruck gebraucht wurde, denn nur was neu ist, weckt Aufmerksamkeit. Ein frischer, neuer Begriff für ein frisches, neues Produkt. Aus demselben Grund heißt es auch „Kraftreiniger“ und „Aktivschaum“. Mit normalem Reiniger und Schaum holt man heute schließlich keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor.

So, und jetzt muss ich dringend zu meinem Fernseher. Werbung schauen und üben. Effizienter werden. Nicht nur, um den sechsten Badreiniger zu verhindern…

Der kleine Übersetzer in meinem Kopf

Seit ich übersetze, habe ich ein Problem, wenn ich fernsehe. Gut, zuviel TV ist ohnehin ungesund, aber es gibt durchaus Filme, Serien und Reportagen, die ich mit großem Genuss schaue. Wenn da nicht… ja, wenn da nicht dieses kleine, übereifrige und unermüdliche Geschöpf in einer Ecke meines Gehirns säße, das meint, es müsste alles, aber auch wirklich alles (rück)übersetzen, was ich höre (einzige Ausnahme: wenn ich müde bin – dann schläft es wohl). Wenn Sheldon in Big Bang Theory sagt „Dieser Stuhl ist ideal gelegen.“, rattert es in meinem Hirn nur: „This chair is ideally positioned. Oder heißt es: This chair has the ideal position. Oder vielleicht: This chair has the perfect position...“ Bei jedem Dialog drehen sich meine Gedanken nur noch um die eine Frage: wir hieß das wohl im englischen Original? Dabei übersetze ich in meinem Berufsalltag nicht einmal ins Englische!

Noch absurder ist allerdings, dass mir das auch bei deutschen Sendungen passiert. Dann erwische ich mich schon mal dabei, wie ich nach der schönsten englischen Formulierung suche, bevor mir dann auffällt – ist doch schon das Original!

Eins weiß ich – ich bin mit diesem Problem nicht ganz allein. Diese Sucht nach dem Originaltext kennen viele Übersetzer. Nur, woran liegt das? Misstrauen wir unseren Kollegen dermaßen, dass wir überall Fehler vermuten und deshalb nachprüfen wollen, ob das alles so stimmen kann? Nein! Ich für mich kann das ausschließen, da mein kleiner Kopfübersetzer auch aktiv ist, wenn ich die deutsche Version einer Serie ausgesprochen gelungen finde. Er will wohl einfach meine englischen Sprachkenntnisse auf die Probe stellen. Und zeigt mir immer wieder aufs Neue, dass mein Beruf eben auch meine Berufung ist – selbst wenn ich nicht will, ich muss einfach übersetzen.

Übrigens wohnt der kleine Übersetzer in meinem Kopf nicht alleine, sondern in einer WG mit dem kleinen Lektor. Wie der mein Umfeld terrorisiert, davon berichte ich aber ein andermal…