Die Rechtschreibprüfung

Ich stelle immer wieder fest, dass die meisten Menschen nur wenige Vorstellungen davon haben, wie der Berufsalltag einer Übersetzerin aussieht. Und tatsächlich gibt es ja von Fall zu Fall auch kleine Unterschiede. Gemeinsam ist uns allen aber, dass wir unsere Tage vor dem Computerbildschirm verbringen, von dem uns ein Text nach dem anderen zulächelt und in aller Stille auf seine Übersetzung wartet. Bei manchen macht er es sich dabei in einer Word-Datei bequem, wenn er nicht von tabellenfanatischen Technikern in ein Excel-Format gezwungen wurde, das ihn – und den Menschen vor dem Monitor – irgendwie traurig aussehen lässt. Bei mir hockt er oft in einer speziellen Software, die allen Formaten ein Einheitsdress verpasst, weswegen ich niemals traurig aussehe, wenn ich meinen nächsten Text begrüße. Meine Software wurde speziell für Übersetzer erdacht, deswegen legt sie Wert auf Qualitätssicherung – nun, zumindest im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Sie bietet mir also unter anderem eine Rechtschreibprüfung an, so wie man das aus Word eigentlich auch kennt. Das ist manchmal auch wirklich nützlich. Manchmal. Dann, wenn man die Mitarbeiter beim schnellen Tippen einmal wieder zu Mitarbeitieren gemacht hat, das zehnte (wahlweise hochwertige, herausragende, einzigartige, einmalige oder ganz besondere) Design zum Desing mutiert und das Management ohne zweites a zum mysteriösen, französisch klingenden Mangement verkommen ist. Dann ist sie nützlich. Also in etwa zehn Prozent der Fälle. Zu neunzig Prozent ist die Rechtschreibprüfung dagegen eine sehr beschränkte, ungebildete, altmodische und kompositafeindliche Funktion, die mich wahlweise auf die Palme oder zum Lachen bringt. Denn wenn sie ein Wort nicht kennt, begnügt sie sich nicht mit roten Schlängeln unter dem Wort, nein, sie gibt doch nicht einfach auf – das naseweise Ding macht mir Vorschläge. Ein Beispiel: Ich schreibe Lastkraftwagen. Kennt die Prüfung nicht, ist nicht im Wörterbuch. Stattdessen also der absolut naheliegende Vorschlag: Lustkraftwagen. Wieso der im Wörterbuch steht – und wozu der dienen soll – ist mir bis heute ein Rätsel. Nicht das einzige. Vor allem, weil überraschenderweise, als es in einem Wirtschaftstext letztens über den Börsenkurs eines Sexshops ging, das Wort Sexshop zu Seeshop korrigiert werden sollte. Nanu, plötzlich so prüde?
Tja, die liebe Rechtschreibprüfung kennt meine Wörter zwar nicht, vom originellen Seeshop und Lustkraftwagen abgesehen kenne ich ihre aber in der Regel schon. Sie ist nur eben einfach nicht auf dem neuesten Stand. Von Hedgefonds hat sie nie gehört, in ihrer Welt heißt das handgeführt. Statt der Playstation schlägt sie Stationssignal oder alternativ Verpflegungsstation vor. Nun ja … Snacks bietet die Konsole meines Wissens noch nicht an, aber vielleicht eine gute Idee für eine nützliche Zusatzfunktion? Oxfam findet sie offroad und Nintendo zu datenintensiv.
Ganz offensichtlich ist diese Prüffunktion nicht so seelenlos, wie ich dachte. Sie möchte mir etwas sagen. Sie macht sogar Produktverbesserungsvorschläge. Und sie möchte ein Leben ohne Hedgefonds und Lastkraftwagen. Sie möchte nicht über Nintendo, sondern über Honigernten, Integratoren und Opernintendanten sprechen (das waren die Alternativvorschläge zu datenintensiv). Sie mag Harry Potter nicht, denn Quidditch und den Schnatz will sie gnadenlos ersetzen durch Fluiddichtungen und den Schatz, Schmatz oder Schwatz. Gefräßig scheint sie auch zu sein, denn sie will lieber Fastfood statt Fashion. Und sie wünscht sich eine Welt, in der der man nicht auf Franchise, sondern auf Branchenwissen oder alternativ auf Frischkäse vertraut. Und sie kritisiert mich, also meine Ausdrucksweise. Affin – wer drückt sich schon so aus, das ist doch affig. So so.
Diese Rechtschreibprüfung hat offensichtlich ihre ganz eigene Meinung zu meinen Texten. Ein bisschen viel Meinung, wenn Sie mich fragen. Zum Glück bin von uns beiden ich diejenige, die hinter dem Bildschirm sitzt. Die sie milde lächelnd mit einem Klick auf „Hinzu“ zwingen kann, meine Wörter zu lernen, das störrische Biest. Klick. Klick. KLICK!

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Die reinste Apostrophe!

Ich habe mich ja lange zurückgehalten. Und im Stillen gehofft, dass durchatmen und bis zehn zählen hilft. Inzwischen müsste ich bei 1000 sein, ach, was sage ich, eher bei 273.728. Geholfen hat es aber nicht.

Ich hatte wirklich gehofft, dass es mich irgendwann nicht mehr stören würde. Dass ich es irgendwann gar nicht mehr bemerken würde. Dass ich mich daran gewöhnen würde. Einfach, weil es allgegenwärtig ist und ich ohnehin nichts tun kann.
Nun, diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Es macht mich wahnsinnig! Und wie. Und es fällt mir ständig auf, überall. Ich kann mich ganz und gar nicht daran gewöhnen. Und das Schlimmste: Es ist allgegenwärtig und ich kann nichts dagegen tun!

Sie ahnen sicher längst, wovon ich spreche. Von diesem grauenhaften Phänomen des furchtbar falsch gesetzten Apostrophs, der einen von sämtlichen Schildern, Schaufenstern und Plakatwänden Deutschlands, ja sogar von Prospekten, Flyern und Katalogen anstarrt. Wer hat diese Lawine des zunächst harmlos anmutenden, scheinbar schwerelos schwebenden kleinen Hochkommas eigentlich ins Rollen gebracht, die die meisten von uns längst unter sich begraben hat? Ich vermute ja, es war ein ahnungsloser Angelsachse, der mitsamt seinem englischen Ladenschild, auf dem die Worte Pete’s Pizza prangten, vor vielen Jahren nach Berlin zog. Wie hätte der auch ahnen sollen, dass wir Deutschen so trendversessen sind, dass wir umgehend unseren eigenen für den englischen Genitiv bereitwillig und begeistert von Bord werfen? (Zugegebenermaßen: es könnte auch aus reiner Dummheit oder Ignoranz geschehen sein, aber als Verfechterin einer Weltsicht, in der Gläser gemeinhin halb voll sind, gebe ich lieber einem Hipster die Schuld. Vor Schreck über seinen unabsichtlich kreierten Massentrend hat der damals dann glatt vergessen, sich zu rasieren. Und sich vor Ungläubigkeit über die vielen Nachahmer-Schilder eine viel zu große Brille mit dickem schwarzem Rand gekauft. Meine Vermutung.)

Und so laufe ich heute durch die Straßen und seufze innerlich jedes Mal auf, wenn ich an Udo’s Haarschneiderei, Göbel’s Backstube, Henry’s Secondhand-Fahrräder, Katja’s kleiner Basar, Walter’s Futterkrippe oder Schön’s Kiosk vorbeikomme. Unübertroffen bleibt allerdings das Schaufenster einer Bäckerei, in der ich letztens war, auf dem stolz bekanntgegeben wurde: „Jetzt auch Sonntag’s geöffnet!“. Ein Moment zwischen Lachen und Weinen. Es wurde ein Wimmern. Ein lautes Wimmern. Sonntags ist nicht einmal ein Genitiv, sondern ein Adverb (das als solches auch noch klein geschrieben werden müsste). Wie um Himmels willen kommt man auf die Idee, da einen Apostroph einzubauen? Das würden nicht einmal die Angelsachsen tun. Ich habe trotzdem ein Brot gekauft (ohne Apostroph im Namen). Und hätte am liebsten mit einem Duden bezahlt. Hatte keinen dabei. Leider.

 

 

Alle Jahre wieder… oder: Nein, das schreibt man nicht so!

Alle Jahre wieder verschickt man Weihnachtsgrüße an Bekannte, Verwandte, Geschäftspartner und Freunde. Und dabei geht, aus sprachlicher Sicht, erstaunlich viel schief (wahrscheinlich kommt Weihnachten und der damit verbundene Wunsch danach, Grüße in die Welt zu schicken, jedes Jahr genauso überraschend wie der Winter, auf den außer den Bayern ja auch nie jemand vorbereitet ist. Vielleicht sollte ich bei der ARD mal einen Brennpunkt zum Thema Weihnachtsgrüße einfordern).

1. Es fängt schon beim Gruß selbst an. Gerne wird ignoriert, dass das neue Jahr aus orthografischer Sicht genau das Gleiche ist wie das alte, weil bei beiden das Adjektiv kleingeschrieben wird. Auch wenn man auf unzähligen Karten den Schriftzug Frohes Neues Jahr liest – richtig hieße es Frohes neues Jahr. Wer auch immer da versucht hat, die Grußkartenindustrie zu unterwandern und allen Grußkartenschreibern eine Gehirnwäsche zu verpassen, hat wirklich gründliche Arbeit geleistet…

2. Das nächste Problem lauert am Briefanfang. Hinter dem sehr verbreiteten Fehler, nach Lieber Freund/Liebe Freundin (o. ä.) in der nächsten Zeile großzuschreiben, vermute ich das allbekannte Unternehmen, dessen Markenzeichen bei täglichem Verzehr angeblich die Gesundheit erhält. Denn die Autokorrektur seiner Handys ist dort seit jeher so eingestellt, dass es heißt:
Liebe Freundin/lieber Freund,
Ich wünsche dir…
In Amerika, wo das Unternehmen herkommt, ist das auch richtig. Im Englischen eben. Wie auch in vielen anderen Sprachen (wie z. B. Französisch). Aber nicht im Deutschen. NICHT IM DEUTSCHEN! Da muss es heißen:
Liebe Freundin/lieber Freund,
ich wünsche dir…

3. Für alle, die getippte Weihnachtsgrüße versenden: Immer schön aufpassen, dass Weihnachten seine bewährte Buchstabenformation beibehält. Schneller als man glaubt hat man seinen Geschäftskontakten Frohe Weichnachten oder Ein erholsames Weinachtsfest gewünscht…

4. Die letzte Tücke verbirgt sich in der Abschiedsformel (natürlich nicht nur bei Weihnachtsgrüßen, sondern generell in jedem Schreiben). Vermutlich aus dem Englischen haben wir uns abgeschaut, zwischen den lieben, freundlichen, herzlichen oder besten Grüßen und unserem Namen ein Komma zu setzen, das da aber gar nicht hingehört. Also im Englischen schon. Aber NICHT… Sie wissen schon. Allerdings weiß mindestens die Hälfte der deutschen Bevölkerung nichts davon (auch ich war da als junger Mensch viel zu beeinflussbar, man gerät in Sachen Interpunktion ja so leicht auf die schiefe Bahn!). Vorsichtshalber noch einmal langsam und zum Mitschreiben für alle:
Es heißt
Herzliche Grüße
Astrid
Ganz ohne Komma oder sonstiges Satzzeichengedöns.

So, jetzt aber mal ganz schnell zurück in die besinnliche Vorweihnachtsstimmung, die ich dazu nutzen möchte, all meinen lieben Lesern nun erholsame Feiertage, ein wunderschönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr wünschen, bevor ich mich in einen ganz kurzen, klitzekleinen Jahresendurlaub verabschiede. Ab dem 5. Januar geht es mit frischen Blogbeiträgen weiter. Versprochen!

Chinesisches vom Italiener

Haben Sie auch ständig Prospekte von Lieferdiensten im Briefkasten? Meistens schmeiße ich die ja einfach weg, aber manchmal blättere ich sie auch durch. Und ab und zu lohnt sich das sogar – in der Regel nicht für meinen Magen, dafür umso mehr für mein an sprachlichen Kuriositäten immer interessiertes Linguistenherz und mein Humorzentrum.

Laut loslachen musste ich, als ich zum ersten Mal den Flyer vom Dolce Vita China Express in der Hand hielt (und nicht wegen des fehlenden Bindestrichs, der ist eher zum Weinen). Ob da ein Italiener mit chinesischem Migrationshintergrund kocht? Oder einfach nur ein Unentschlossener? Denn weiter unten wird mit 8 Küchen unter einem Dach geworben. Es ist übrigens ein sehr kleines Dach, ich kenne das Gebäude zufällig. Mhm… da wird bestimmt noch mit Liebe und Hingabe gekocht. Und ein besonderes Schmankerl sind sicher die Fritti, die im ganzen Prospekt als Beilage angeboten werden, z. B. bei der Nr. 158: Fischstäbchen mit Fritti & Salat.

Die anderen Lieferdienste waren entscheidungsfreudiger und haben sich auf eine Küchenrichtung festgelegt – allerdings leider nicht auf eine korrekte, ja nicht einmal auf eine einheitliche Rechtschreibung. Groß- und Kleinschreibung wechseln sich bei sushi LIVE munter ohne erkennbares Muster ab (z. B. Frisches Sushi, aber see tang salat, Unser Top-Angebot, aber sushi zur freien auswahl). Dafür gibt es hier etwas ganz Exquisites, man möchte fast sagen Durchdachtes: überdachtes Essen! Wie die harmony rolls – 4 stück avocado, ebi tempura, salat mit shake überdacht.
Beim Pizzadienst Pizza Pasta Fabricata könnte ich mir dagegen einen Salat mit Corner Dressing nach Wahl bestellen – was das wohl ist? Eckiges Dressing? Oder Dressing in eckiger Verpackung? Oder Dressing nur an den Ecken vom Salat? Rätselhaft.
Verlockend ist aber auch das Angebot vom Bambus Haus (das auch nichts von Bindestrichen hält), das verspricht: Alle Gerichte enthalten Geschmacksverstärker, Glutamat und Scharf. Prima! Wer will schon Essen ohne Geschmacksverstärker? Hier offensichtlich niemand, daher gibt es sie gleich mal in doppelter Menge. Und wie clever, das Adjektiv scharf zum Substantiv zu befördern. Macht doch alles viel einfacher.

Schön ist auch diese Vielfalt. Man kann ja heute nicht mehr nur Essen beim Lieferdienst bestellen. Das italienische Restaurant La Stalla bietet Täglich wechselndes Mittagsmenü mit Gartenterasse (sic) an. Ob die Gartenterrasse wohl auch bei uns in den dritten Stock passt? Kostet die extra? Und wie die wohl geliefert wird? Fragen über Fragen…

In diesem Sinne: Guten Appetit!