Wir müssen origineller werden!

„Wir müssen origineller werden!“, beginnt der von mir sehr verehrte Jürgen von der Lippe, dessen gesammeltes Bühnenwerk in CD-Form uns schon seit vielen Monden auf langen Autofahrten begleitet, einen seiner Sketche. Sein Appell mag aus den späten Achtzigerjahren stammen, ist für mich aber aktueller denn je. Wir müssen origineller werden – wie recht er hat!

Das muss sich übrigens auch der wunderbare Mann an meiner Seite gedacht haben, als er die Floristin im Blumenladen letztens ganz ernst bat, doch noch etwas „Gestrüpp“ um die schöne Amaryllis zu drapieren (die es übrigens ungerührt hinnahm, und brav drapierte).
Nun, mir persönlich kommt der von der Lippe’sche Satz erstaunlich oft bei der Arbeit in den Sinn. Unschuldig öffne ich einen Text zur Übersetzung und schon schlagen sie mir entgegen, die führenden Innovationen, die bahnbrechenden Entwicklungen, einzigartigen Technologien, Quantensprünge, enormen Fortschritte und großen Durchbrüche. Und dabei ist es relativ gleichgültig, ob es um Autos, Software, Blumentöpfe oder Gummidichtungen geht. Revolutionäre Entwicklungen, soweit das Auge reicht. Da kann man vor lauter zukunftsweisenden Schlüsselstrategien zwischen zwei Zeilen schon mal fortschrittsmüde werden und ein paar flüchtige Gedanken an das Urwesen der Langeweile verschwenden (und daran, wie es wohl heißen und aussehen mag. Ich wette, es ist staubgrau, heißt Versicherungsbüro und arbeitet in einer Marketingabteilung. Und zwar in der, aus der meine Texte kommen). Da bleibt einem nur, ein Gähnen zu unterdrücken, noch einen Kaffee zu trinken, wild entschlossen kurz zu verzweifeln, stellvertretend für den Hersteller den Computerbildschirm anzuschreien: „SIE MÜSSEN ORIGINELLER WERDEN!“, sich anschließend die virtuelle Krone zu richten und weiterzumachen. Und sich klammheimlich zu fragen, ob man mit dem Slogan Eine Dichtung, die selbst Schiller und Goethe in den Schatten stellt nicht eigentlich auch Gummidichtungen verkaufen könnte. Hm – vielleicht sollte ich doch eine eigene Gummidichtungsfirma gründen.

Aber Übersetzung beiseite, auch privat denke ich mir oft genug, dass die Welt mehr Originalität vertragen könnte. Sind Sie in den letzten Jahren einmal durch den Prenzlauer Berg in Berlin gelaufen? Irgendwer hat da irgendwann beschlossen, dass Schwarzrandbrillen gepaart mit Holzfällerhemden und gartenzwerglangen Vollbärten doch ein origineller Look wären. Damals war das sicher auch so. Das sah zwar auch damals schon nicht schön aus, aber originell – und das ist ein sehr legitimes Anliegen, also Daumen hoch. Es konnte ja keiner ahnen, dass sich daraus ein unfassbar langanhaltender Trend entwickelt, der es wirklich schwer macht, heute in Berlin überhaupt noch unbebrillte, vollbartlose männliche Exemplare zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Vierzig anzutreffen. Männer, ihr müsst origineller werden!
Dieser Herdentrieb scheint überhaupt erschreckend verbreitet. Auf Facebook zum Beispiel, wo es diese praktischen Gruppen gibt, in denen sich Menschen zu einem Thema zusammentun. Zum Beispiel, um nicht mehr benötigte Möbel, Klamotten oder sonstige Besitztümer zu verschenken bzw. dringend benötigte zu ergattern. Tolle Sache. Wenn dann nicht jeder zweite eine Wandertasche mit Kinder-, Frauen-, Hipster-, Wasweißichwas-Klamotten einstellen würde, die dann weiter wandern darf. Die dann andere in den Kommentaren mit einem Interesse bedenken oder als tolles Give bewerten, für das sie sich lieb anstellen. Die gesamte Gruppe kommt mit einem Wortschatz aus, der den eines gewissen orangehaarigen, altmodische rote Krawatten liebenden Amerikaners noch weit unterbietet. In anderen Facebook-Gruppen, die tausende Mitglieder zählen, besteht gefühlt jeder dritte Beitrag aus einem Danke für die Aufnahme in Weiß auf quietschebuntem Grund. Vielleicht sollte ich da auch mal so ein buntes Hintergrundbildchen einstellen und dick und fett daraufschreiben: IHR MÜSST ORIGINELLER WERDEN!

Wie Sie merken, es macht mich wahnsinnig. Langeweile hat in unserer Sprache nichts zu suchen, finde ich. Also, ob Sie sich gerade in den sozialen Netzwerken herumtreiben,  Gummidichtungen verkaufen, Schlüsseltechnologien entwickeln oder Freunde zu Besuch haben: Seien Sie ungewöhnlich! Trauen Sie sich etwas! Werden Sie origineller! Und bewerben Sie sich dann in einer Marketingabteilung! Am besten in der meiner zukünftigen Gummidichtungsfabrik.

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Ich seh‘ nur noch Sternchen…

Es ist ein sensibles Thema. Und ein gefährliches, weil man das Risiko eingeht, den Jubel von der falschen Seite zu bekommen. Deshalb sei eins gleich klargestellt: Ich glaube an den Sinn von Diplomatie und Rücksichtnahme, im ganz alltäglichen menschlichen Miteinander genauso wie in der großen Politik. Trotzdem ereilt mich immer wieder das Gefühl, dass gerade wir Deutschen es auch schon einmal übertreiben…

Denn Diplomatie ist das eine, Political Correctness das andere. Wie gesagt: ein streitbares Thema – aber wenn es um die Anrede geht, fällt es mir nicht schwer, eine klare Position zu beziehen. „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger … liebe Genossinnen und Genossen … liebe Zuschauerinnen und Zuschauer … liebe Wählerinnen und Wähler … sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer … liebe Kolleginnen und Kollegen“ – diese Gender-Scheiße, entfuhr es Jürgen von der Lippe vor ein paar Monaten, und er sprach mir aus der Seele. Ich persönlich fühle mich auch als Frau mit Mitbürger, Zuschauer, Leser und Kollege angesprochen. Aber aus Angst vor dem Sturm, (aus Gründen der Ästhetik verzichte ich hier auf das heute üblichere Modewort aus der digitalen Welt), der heute beim kleinsten Fehler losbricht traut sich ja kaum noch einer, normal zu sprechen. Doch weg von der gekünstelten Doppelanrede bewegt sich der Trend inzwischen hin zur geschlechtsneutralen Anrede. Wie schön. Da fühle ich mich gleich auch geschlechtsneutral. Nur ob das wirklich ein erstrebenswerter Fortschritt ist?

Gut, dass ich heute nicht mehr studiere, kann ich da nur sagen, denn Vorreiter dieser Denkbewegungen sind die Universitäten. Die in meinen Augen noch sinnigste Idee stammt von der Uni Leipzig, wo die männliche Anrede ersatzlos gestrichen wurde, was heißt, dass mit „Professorinnen“, „Studentinnen“ usw. immer Frauen und Männer gemeint sind. Ein ziemlich feministischer Ansatz, der nach Jahrhunderten der umgekehrten Anrde schon etwas für sich hat. Aber mangels Gewohnheit auch ziemlich albern klingt. An der Humboldt-Uni in Berlin, an der es ein Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien gibt, schlug eine (in Leipzig müsste ich jetzt wohl weibliche hinzufügen) Professorin aber etwas noch viel Alberneres vor, sie möchte nämlich alle geschlechtsspezifischen Endungen durch ein „x“ ersetzen, weil sich angebliche viele Studenten durch die Anrede diskriminiert fühlen. „Professx“ statt „Professor/Professorin“ und „Studierx“ statt „Student/Studentin“. Super Idee! Gar nicht umständlich. Besonders bei der Aussprache. Ihre Idee wird in der FAZ folgendermaßen begründet: „Die neutralen Endungen entfernten den Zwang, sich einem Geschlecht zuordnen zu müssen.“ Wie schön. Ob die gute Frau (äh, müsste ich jetzt X sagen? Der, die oder das X? Herrje!) auch eine Lösung für Menschen wie mich parat hat, die sich durch die geschlechtsneutrale Anrede diskrimiert fühlen?

Auch in der Schweiz befasst man sich mit der Gender-Sch…, ähm ich meine mit dem Thema „antidiskriminierende Sprachhandlung“. Germanistik-Studenten der Uni Zürich haben eine ganz eigene, natürlich revolutionäre geschlechtsneutrale Alternative entwickelt: Sternchen statt Endungen! Also „Lese*“ statt „Leser“ (für den Plural dann mit zwei Sternchen: „Lese**“). Und „Studier*“ statt „Student/Studentin“, „Profess*“ statt „Professor/Professorin“. (Bin ich eigentlich die Einzige, die sich fragt: schreiben die alle nur, spricht da keiner?) Am schönsten ist aber, dass sich auch unschuldige Fragepronomen heute schon der Diskrimierung schuldig machen. Die Züricher Germanisten fragen also jetzt nicht mehr „Wer war das?“ sondern „We* war das?“. Absurd! Da kann man ja nur noch Sternchen sehen…