Silvester auf ungarisch oder: Die Tuschmaschine

„Die Familie kommt!“, sprach der wunderbare Mann an meiner Seite, und seine himmelblauen Augen hüpften ein bisschen vor Freude. Und so war es dann auch. Die Familie kam, samt 3-jähriger Nichte und einer gigantischen Flut von Koffern, die uns kurz zweifeln ließ, ob im Vorfeld statt besuchen nicht doch der Begriff einziehen gefallen war. Viereinhalb Ungarn, eine Deutsche, eine Wohnung, eine Woche. Inklusive Silvester. Es sollte ein denkwürdiges werden.

An Tag 2 entdeckt das Kind die (auf verschleierten Pfaden zu uns gelangte) Tuschmaschine. Kennen Sie nicht? Es handelt sich dabei um einen kleinen roten Kasten mit einem Lautsprecher, 16 Knöpfen und einem Bändel, an dem ihn sich normalerweise karnevalstrunkene Kölner in der fünften Jahreszeit um den Hals hängen, um jederzeit ihre unverbrüchliche Feierwut kundtun zu können, ohne das eigene Stimmorgan dafür bemühen zu müssen, das schließlich schon genug damit zu tun hat, Kölsch an sich vorbeifließen zu lassen.
Das Kind drückt etwas unsicher auf die erste Taste, und überraschend laut ertönt ein mir allzu vertrautes Geräusch: Tätääääää – tätääääää – tätääääää! Das Kind gluckst. Eigentlich hasse ich Karneval. Und doch: Ganz die stolze Tante aus Deutschland blicke ich die Kleine gerührt an. Ihr erster Karnevalstusch! Hach ja. Fast könnte man das Bedürfnis verspüren, eine Büttenrede zu halten. Nun ja, fast.

Tag 3: Kölle – Alaaf! Kölle – Alaaf! Kölle – Alaaf! ruft die Tuschmaschine. Der auf meiner Jahresend-Playlist verewigte Bing Crosby säuselt im Hintergrund I’m dreaming of a white Christmas. Aber was weiß der schon. Nix eigentlich, draußen sind es nämlich 10-15 Grad, im Grunde bestes Karnevalswetter. Das Kind scheint das ganz genauso zu sehen und probiert fleißig Knöpfe aus. Und so sitzt die Familie Ende Dezember im Wohnzimmer versammelt, um den zunehmend schwächer lamettaglitzernden Weihnachtsbaum (das Kind legt ein ausgesprochenes Talent zum Abpflücken von Lametta an den Tag) herum, während ein kräftiges Köbes – en Kölllsch, begleitet von kneiptentypischen Nebengeräuschen durch den Raum hallt. Das Kind ist begeistert. Statt Köbes versteht es zwar Krampus (die Schreckgestalt, die in Teilen Süddeutschlands, Osteuropas und in Österreich den heiligen Nikolaus begleitet), das scheint seiner Freude allerdings keinerlei Abbruch zu tun. Kölsch muss in Ungarn eine schlimme Drohung sein.

Tag 4: Die ungarische Familie wird immer textsicherer. Alle können inzwischen Kamelle! rufen, mit Strüssjer! tut man sich dagegen noch schwer. Die ersten Klänge von Denn wenn dat Trömmelche jeht sind aber schon allen in Fleisch und Blut übergegangen. Auch der Refrain von Viva Colonia wird fleißig mitgesummt und mitgeschunkelt.
Allmählich frage ich mich, wie es passieren konnte, dass ich, ausgerechnet ich, die Kölnerin ohne Karnevalsgen, zur geheimen Botschafterin des Kölner Karnevals werden konnte. Keiner hier hat auch nur den Hauch einer Ahnung, wie absurd diese ganze Szenerie ist.

Tag 5: Das Schunkeln scheint ungeahnte Kräfte freigesetzt zu haben. Die Arbeit an eigenen Choreographien beginnt. Während ich an den letzten Weihnachtsplätzchen knabbere, sehe ich mir abwechselnd schmunzelnd und stirnrunzelnd an, wie der wunderbare Mann an meiner Seite und meine wunderbare Schwiegermutter sich an den Händen fassen und im Esszimmer zu den Klängen von Ritsch-Ratsch, de Botz kapott ein Tänzchen improvisieren. Das Kind klatscht vor Freude. Die Nachbarn von gegenüber verbringen ihre Abende inzwischen größtenteils vorm Fenster. Ab und zu winken wir freundlich hinüber.

Tag 6: Tanzen, Schunkeln, Summen und Singen reichen dem Kind nicht mehr. Es hat herausgefunden, dass sich die Töne der Tuschmaschine abkürzen lassen, wenn es noch während des Abspielens auf einen anderen Knopf drückt. Kam…Alaaa…Da simmer da… Strüssjer! mixt die kleine DJane zusammen. Begabt, das Kind. Tätääääää – tätääääää – tätääääää!

So geht schließlich eine Woche voller Karneval zu Ende. Weihnachtsbaum, Plätzchen, Glühwein, Raclette und Silvesterraketen inklusive. Auch wenn sich daran wahrscheinlich später keiner mehr erinnert. Was die Familie dagegen in ihren Herzen und Köpfen nach Ungarn tragen wird, sind Kamelle, Strüssjer, Kölsch und Karnevalsmelodien. Wenn das mal nicht die Geburtsstunde einer ganz neuen ungarischen Silvestertradition ist.

 

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Wir haben nur eine Erde? Schön wär’s!

Im vergangenen Frühjahr habe ich etwas höchst Ungewöhnliches an mir entdeckt, das weder ich noch sonst jemand, der mich kennt, mir bisher zugetraut hatte: einen grünen Daumen. Gut, sagen wir einen hellgrünen. Zumindest hellgrün anmutend. Ins Hellgrün changierende. Quasi einen, der gern grün wäre. In anderen Worten: Ich entdeckte die Liebe zum Gärtnern. Wohlgemerkt: Liebe. Nicht Erfolg. Nach ausreichend langer Liebe kommt der vielleicht noch, aber im Augenblick kann und soll davon nicht die Rede sein. Meiner Begeisterung tut das allerdings keinen Abbruch.
Alles begann mit einem saisonweise anmietbaren Gemüsegarten, in dem ich den Großteil meiner Sommersonntage verbrachte und selig zwischen Reihen von Mangold und Karotten hockend Unkraut rupfte. Es war die wahre Freude. Und meine ganz persönliche Form der Meditation. Recht schnell beschloss ich, dass sich auch der heimische Balkon meiner neugefundenen Passion nicht länger entziehen sollte. Rundherum gemessen 5,55 m Geländer – das hieß 5,55 m ungenutztes Potenzial. Nichts wie ab in mein neues Shopping-Paradies: das Gartencenter!

Erster Punkt auf der Einkaufsliste: Balkonkästen. Was Schickes, nicht so ein Plastik-Billigzeugs. Soll ja was hermachen. Diese stabilen da vorne im Landhaus-Stil, romantisch-verspielt, in Weiß oder Gelb vielleicht, oder da hinten, die hübschen aus Zinn, schwärmend rief ich dem wunderbaren Mann an meiner Seite zu: „Schau mal hier, sind die nicht …“ – Oh. Ein Preisschild stellte sich zwischen mich und das Objekt meiner Begierde. Nun, bei genauer Betrachtung sind die dünnen Kunststoffkästen für den Anfang ja vollkommen ausreichend. In den erstaunlich gleichgültigen Blick des wunderbaren Mannes an meiner Seite schien sich Erleichterung zu mischen.

Punkt zwei: Balkonkasten-Inhalt. Schön oder nützlich? Schön und nützlich. 2 Kästen Küchenkräuter, 2 Kästen Blumen. Na, das ging ja flott. Prima, dann kann ich das Entscheidungszentrum meines Hirns ja schon mal in den Feierabend schicken.
Nur noch schnell Erde holen. Also einen kurzen Abstecher aufs Außengelände, wo es gerüchteweise in großen Plastiksäcken auf uns warten soll, das torfige Glück. Zielsicher schreiten wir durch die Tür und bleiben verdutzt gleich wieder stehen. Uff. Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. Reihenweise Paletten, auf denen sich Säcke unterschiedlicher Größe und Couleur türmen. Etwas verunsichert laufen wir von Stapel zu Stapel und lesen uns durch den Schilderwald und Preisdschungel. Schnell ist klar, dass hier gar nichts „nur noch schnell“ gehen wird. Das Entscheidungszentrum wird Überstunden machen müssen.
In der nächsten Viertelstunde lernen wir, dass Erde aktiv, torffrei, leicht oder extra-leicht sein kann und dass es unterschiedliche Erdsorten für Gärtnerblumen, Zimmerpflanzen, Grünpflanzen, Bonsai, Kakteen und Hortensien gibt. Erstaunlicherweise hat sogar jede Hortensienfarbe (rot-weiß oder blau) ihre eigene Erde. Fast packt es mich, und angesichts der Absurditäten, die auf den nächsten Paletten auf uns warten, als da wären Rhododendronerde, Buxbaumerde, Tomatenerde und Spezialerde für Knospenheide sowie – bitte ganz langsam und genüsslich lesen – Kübel- und Dachgartenpflanzenerde, will ich mir einen Sack Blaue-Hortensien-Erde schnappen, um darin, im Geiste ganz Rebellin, rote oder weiße Hortensien zu pflanzen. Ha! Dann fällt mir ein, dass Hortensien eher selten auf Balkonen wachsen. Na gut, dann nicht. Sowieso viel zu teuer. Obwohl, die „Spezialerde für fleischfressende Pflanzen – 3 l, 3,99 €“ auf dem nächsten Schild kann das noch toppen. Irre. Ich frage mich, was wohl jemand kauft, der von all diesen Pflanzen ein Exemplar im Garten hat. Erschöpft schleichen wir durch die vorletzte Reihe. Teicherde und Komposterde geben mir den Rest. Und da heißt es immer: „Wir haben nur eine Erde“. Schön wär’s! Müde blicke ich in die inzwischen vollkommen leeren Augen des wunderbaren Manns an meiner Seite: „Und nu?“ Mit letzter Kraft deutet er mit dem Kopf auf einen Stapel links vor mir. „Balkonblumenerde“ lese ich laut vor. Puh. Gerade noch einmal Glück gehabt. Wir packen den Sack Expertenerde auf unseren Wagen. Ich fühle mich erleichtert. Geradezu … geerdet.

Wenn der Zollstock leise knarzt

Tagesseminare haben zwei entscheidende Vorteile: 1. Sie dauern nur einen Tag. 2. Wenn man nach acht Stunden nach Hause fährt, weiß man mehr als vorher. Grund genug, eine dieser wunderbaren Veranstaltungen zu buchen! In dieser positiven Stimmung begab ich mich letztes Jahr also eines schönen Tages ins herbstliche Frankfurt, um mich näher mit dem Thema „Übersetzen von Geschäftsberichten“ zu befassen. Und als ich abends nach Hause fuhr, wusste ich tatsächlich mehr als vorher: Nämlich, dass ich niemals im Leben Geschäftsberichte übersetzen werde. Obwohl, nein … eigentlich wusste ich das schon zehn Minuten nach Seminarbeginn. Also, im Grunde begannen meine Zweifel mit dem Austeilen des Hand-outs, aber ich war ja positiv gestimmt. Damit war es allerdings vorbei, als die erste Bilanz an die Leinwand geworfen wurde und die Ausführungen des Dozenten mit jedem Satz nur noch mehr Fragezeichen in meinem Kopf produzierten. Schlagartig wurde mir klar, dass Tagesseminare auch einen ganz entscheidenden Nachteil haben: Sie dauern einen ganzen (langen) Tag!

Die regen und interessierten Wortbeiträge der anderen Teilnehmer, die an Konsolidierungsrücklagen, Nominalwerten und Wechselbürgschaften im Gegensatz zu mir ganz offensichtlich nichts Befremdliches fanden, trösteten mich auch nicht gerade. Ganz offensichtlich war ich die einzige Wirtschaftsnull in diesem Raum. Damit war dann zumindest das Motto meines Tages gefunden: Bloß nicht auffallen!
Ich brauchte also etwas, worauf ich meine Konzentration lenken konnte. Wann immer ein englisch-deutsches Vokabelpaar oder Begriffserläuterungen jeglicher Art auftauchten, notierte ich, was das Zeug hielt. Alle paar Minuten war ich damit immerhin beschäftigt (über den Sinn der Beschäftigung hüllen wir an dieser Stelle lieber den Mantel des Schweigens – nur so viel: Ein halbes Jahr später löst die brav notierte Definition, dass ein Rechnungsabgrenzungsposten der Kostenanteil ist, der nach dem Bilanzstichtag noch anfällt, nichts als ein dickes, fettes HÄ?! in mir aus). Dazwischen bemühte ich mich nach Kräften, intelligent zu schauen und meine Verzweiflung zu verbergen. Zwei Kaffeepausen und eine Mittagspause waren angekündigt. Die restliche Zeit war … lang. Unterteilt wurde sie nur vom rhythmischen Klackern und leisen Quietschen des Zollstocks, den der Vortragende in Ermangelung eines Laserpointers von der Organisatorin in die Hand gedrückt bekommen hatte und nach anfänglich verdutztem Blick dann doch recht schnell adoptierte. Das antiquierte Messwerkzeug bot ja auch deutlich mehr Möglichkeiten als ein langweiliger Laserpointer. Das Auf- und Zuklappen ist zum einen eine zusätzliche Beschäftigung zum Nervositätsabbau, beschäftigt darüberhinaus gleich beide Hände und man kann sich je nach gewünschtem Präzisionsgrad der eigenen Ausführungen auch noch überlegen, wie weit man ausklappen (60, 80 und 100 cm Länge waren übrigens die Favoriten, falls es jemanden interessiert), soll heißen: wie genau man auf eine Stelle an der Leinwand zeigen will bzw. wie imposant der Kreis sein soll, den man beim Zeigen durch die Luft schwingen möchte.  Und wenn es nichts zu zeigen gibt, kann man den Zollstock mit beiden Händen fassen und zu einem variablen Winkel formen. Dabei knarzt er dann ganz leise. Es hatte wirklich etwas Befriedigendes. Geradezu etwas Meditatives.

Beim Mittagessen im Restaurant schlug ich mich übrigens tapfer, neben Smalltalk und Gesprächen über amerikanische Präsidenten und solche, die es werden wollen, half auch die erforderliche Konzentration, die das unfallfreie Essen einer asiatischen Suppe (also so einer mit viel Gedöns drin) im geschäftlichen Umfeld verlangt, meine Tarnung nicht auffliegen zu lassen.

Rückblickend betrachtet wäre das eigentlich ein guter Zeitpunkt gewesen, die Qualen abzukürzen und den restlichen Nachmittag sinnvoll, das heißt mit einem ausgedehnten Spaziergang am Main zu verbringen. Da ich aber voll und ganz damit beschäftigt war, meinem Motto treu zu bleiben (ein Ansinnen, das spätestens mit diesem Artikel sein Ende finden dürfte) und die Anzahl der Seminarteilnehmer nun wirklich reichlich überschaubar war, blieb ich. Ich notierte. Ich schaute intelligent. Ich konzentrierte mich auf das Quietschen des Zollstocks. Und überlegte, wie ich das Seminar genannt hätte. Vielleicht: „Konzentrationsübungen mit Konzernabschlüssen“. Oder: „Meditieren mit Mezzaninkapital“. Ach nein, viel besser: „Wenn der Zollstock leise knarzt“.

Wörter, die wirken

Wörter sind viel mehr als die kleinen Puzzleteile, aus denen sich unsere Sprache zusammensetzt, viel mehr als die gewollte oder zufällige, über die Jahre gewachsene, feingeschliffene, reformierte, zurückreformierte, logische oder unlogische Zusammensetzung einzelner Buchstaben. Wörter sind (dank des Fernsehens sogar oft genug öffentliche) Verkehrsmittel. Denn sie transportieren etwas – wohlgemeinte und weniger wohlgemeinte Aussagen, Weisheiten, aber auch Dummheiten, Meinungen oder Bilder. Wörter wirken – wenn man weiß, wie man sie einsetzt. (Dass das viele heute nicht mehr zu wissen scheinen, ist ein anderes Thema…)

Wörter können Waffen sein.
Wohl jeder von uns kennt die Situation, in der ein einziges falsches Wort ausreicht, das einen genau in den wunden Punkt trifft und tiefer verletzt als jedes andere. Der Schmerz, den wir im Innern fühlen ist oft schwerer zu ertragen und zu überwinden als der, der von außen auf unseren Körper wirkt. Das sollte man nie vergessen, vor allem nicht, wenn man auf der anderen Seite des Worts steht und es an einem selbst ist, sich für das rechte oder das falsche Wort zu entscheiden. Rache mag Blutwurst sein. Doch Wörter sind Waffen. Und Waffen sind gefährlich. (Und Blutwurst ist ohnehin eine Geschmacksfrage.)

Wörter können eine Ziege sein, die an der Fußsohle leckt.
Zum Beispiel, wenn ich im Restaurant sitze. Dass korrekt geschriebene Speisekarten in etwa so häufig vorkommen wie rosafarbene Einhörner weiß ich ja. Ich bin also mental schon auf Schreibfehler eingestellt. Und dann sehe ich Bambi-Goreng – und pruste los.
Oder wenn der wunderbare Mann an meiner Seite versucht, aus meiner, ähem, sagen wir: kreativen Handschrift auf dem Einkaufszettel Sinnvolles herauszulesen und voller Freude über die Erkenntnis laut Kirrbiss sagt. Manche Wörter treffen eben direkt mein (recht großzügig proportioniertes) Humorzentrum. Das lässt andere auch schon einmal ratlos zurück, und manchmal, ein paar Stunden, Tage oder Wochen später, sogar mich selbst. Aber was soll’s? Ich habe auf jeden Fall immer viel zu lachen.

Und Wörter können Zwiebeln sein.
Wenn ich das Wort Jahresrückblick in der Fernsehzeitschrift lese, bekomme ich schon feuchte Augen. Genauso geht es mir bei dem Wort Abschied. Und als Mel Gibson damals in Braveheart kurz vor der Hinrichtung aus voller Kehle Freedom brüllte, da entleerten sich meine Augen geradezu sturzbachartig aller ihrer Tränen. Zugegeben, der Film selbst, die Bilder und die Musik hatten ihren Anteil daran – dennoch ist es letztlich dieses eine Wort, das wirkte. Hätte er an derselben Stelle, nun, sagen wir einmal: Mama gerufen, wäre die Wirkung ungleich anders gewesen.

Was ich damit sagen will? Wählen Sie Ihre Worte weise! Wirken Sie – mit Wörtern, die wirken!

Wenn Schilder sprechen könnten …

Wenn Schilder sprechen könnten, was würden sie uns wohl erzählen?

Das kleine runde würde sich wahrscheinlich beschweren, dass es so oft am Autobahnrand stehen muss, wo die Luft so schlecht ist und es nie die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Nie! Vor allem, wenn herzlose Prinzipienreiter es dazu noch mit zweistelligen Zahlencodes bemalt haben. Natürlich fühlt es sich schrecklich ungeliebt. Quasi unsichtbar. Das grenzt doch an Mobbing! Neiderfüllt blickt es auf die Erhabenheit seiner zahlenfreien Kameraden mit der schicken schwarzen 5-Linien-Schärpe. Die mag natürlich wieder jeder. Gemein!
Was soll das Baustellenschild da erst sagen? Das wird nicht nur jeden Tag von unzähligen Autofahrern aufs Wüsteste beschimpft und verflucht, sondern muss sich auch noch offiziell als Gefahrenzeichen betiteln lassen, was die Popularität nicht gerade steigert (fragen Sie mal die Verbotsschilder – die wissen genau, was ich meine). Da muss man schon eine gehörige Portion Selbstbewusstsein an den Tag legen, um das auszuhalten. Das schafft man nicht immer. Manchmal möchte man einfach losschreien. Man wünscht sich einen Mittelfinger. Und was macht man dann, wenn man ein Schild ist? Man klappt ein kleines Extrarechteck unter sich aus, mit dem kleinen Wörtchen Radarkontrolle darauf. Selbst, wenn da gar keine kommt. Ha! Rache ist Blutwurst!
Aber es gibt ja noch so viel mehr Schilder. Es gibt die in idyllischen Kastanienalleen stehenden Fußwegschilder, die gutgelaunten Fußgängerzonenschilder, die mit Sehnsucht erwarteten Radwegschilder. Und es gibt die allgegenwärtigen arroganten Halteverbotsschilder, die uns verzweifelten Parkplatzsuchern und Verkehrsrebellen kopfschüttelnd leise tse tse tse entgegenzischen möchten.
Viele Schilder fristen ein frustriertes Dasein. Diese Unbeliebtheit, der sich ein Umleitungsschild aussetzt! Diese lauten Seufzer, die sich Rollsplit-, Ölspur- und Stauwarnschilder ständig anhören dürfen! Am bedauernswertesten finde ich persönlich das Schicksal einer Schildergattung, die sich aufgrund der sich galoppierend ausbreitenden Rechtschreibschwäche (und Selbstüberschätzung) der Menschheit zwar immer häufiger in guter Gesellschaft befindet (also inzwischen so viele Leidensgenossen hat, dass sie in jeder Großstadt eine eigene Selbsthilfegruppe aufmachen könnte), die sich aber nie ernstgenommen fühlt, weil sie permanent ausgelacht wird. Auch von mir, ich gebe es zu. Die Rede ist von den vielen, von den viel zu vielen falsch geschriebenen Schildern. Wie dem, das diesen Blogbeitrag ziert. Das hängt da übrigens schon seit mehreren Jahren. Den Besitzer, der es so verunstaltet hat, scheint es nicht zu stören. Er lässt es so wie es ist da hängen, das arme Ding.
Vielleicht ist es doch ganz gut, dass Schilder nicht sprechen können.