Ich seh‘ nur noch Sternchen…

Es ist ein sensibles Thema. Und ein gefährliches, weil man das Risiko eingeht, den Jubel von der falschen Seite zu bekommen. Deshalb sei eins gleich klargestellt: Ich glaube an den Sinn von Diplomatie und Rücksichtnahme, im ganz alltäglichen menschlichen Miteinander genauso wie in der großen Politik. Trotzdem ereilt mich immer wieder das Gefühl, dass gerade wir Deutschen es auch schon einmal übertreiben…

Denn Diplomatie ist das eine, Political Correctness das andere. Wie gesagt: ein streitbares Thema – aber wenn es um die Anrede geht, fällt es mir nicht schwer, eine klare Position zu beziehen. „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger … liebe Genossinnen und Genossen … liebe Zuschauerinnen und Zuschauer … liebe Wählerinnen und Wähler … sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer … liebe Kolleginnen und Kollegen“ – diese Gender-Scheiße, entfuhr es Jürgen von der Lippe vor ein paar Monaten, und er sprach mir aus der Seele. Ich persönlich fühle mich auch als Frau mit Mitbürger, Zuschauer, Leser und Kollege angesprochen. Aber aus Angst vor dem Sturm, (aus Gründen der Ästhetik verzichte ich hier auf das heute üblichere Modewort aus der digitalen Welt), der heute beim kleinsten Fehler losbricht traut sich ja kaum noch einer, normal zu sprechen. Doch weg von der gekünstelten Doppelanrede bewegt sich der Trend inzwischen hin zur geschlechtsneutralen Anrede. Wie schön. Da fühle ich mich gleich auch geschlechtsneutral. Nur ob das wirklich ein erstrebenswerter Fortschritt ist?

Gut, dass ich heute nicht mehr studiere, kann ich da nur sagen, denn Vorreiter dieser Denkbewegungen sind die Universitäten. Die in meinen Augen noch sinnigste Idee stammt von der Uni Leipzig, wo die männliche Anrede ersatzlos gestrichen wurde, was heißt, dass mit „Professorinnen“, „Studentinnen“ usw. immer Frauen und Männer gemeint sind. Ein ziemlich feministischer Ansatz, der nach Jahrhunderten der umgekehrten Anrde schon etwas für sich hat. Aber mangels Gewohnheit auch ziemlich albern klingt. An der Humboldt-Uni in Berlin, an der es ein Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien gibt, schlug eine (in Leipzig müsste ich jetzt wohl weibliche hinzufügen) Professorin aber etwas noch viel Alberneres vor, sie möchte nämlich alle geschlechtsspezifischen Endungen durch ein „x“ ersetzen, weil sich angebliche viele Studenten durch die Anrede diskriminiert fühlen. „Professx“ statt „Professor/Professorin“ und „Studierx“ statt „Student/Studentin“. Super Idee! Gar nicht umständlich. Besonders bei der Aussprache. Ihre Idee wird in der FAZ folgendermaßen begründet: „Die neutralen Endungen entfernten den Zwang, sich einem Geschlecht zuordnen zu müssen.“ Wie schön. Ob die gute Frau (äh, müsste ich jetzt X sagen? Der, die oder das X? Herrje!) auch eine Lösung für Menschen wie mich parat hat, die sich durch die geschlechtsneutrale Anrede diskrimiert fühlen?

Auch in der Schweiz befasst man sich mit der Gender-Sch…, ähm ich meine mit dem Thema „antidiskriminierende Sprachhandlung“. Germanistik-Studenten der Uni Zürich haben eine ganz eigene, natürlich revolutionäre geschlechtsneutrale Alternative entwickelt: Sternchen statt Endungen! Also „Lese*“ statt „Leser“ (für den Plural dann mit zwei Sternchen: „Lese**“). Und „Studier*“ statt „Student/Studentin“, „Profess*“ statt „Professor/Professorin“. (Bin ich eigentlich die Einzige, die sich fragt: schreiben die alle nur, spricht da keiner?) Am schönsten ist aber, dass sich auch unschuldige Fragepronomen heute schon der Diskrimierung schuldig machen. Die Züricher Germanisten fragen also jetzt nicht mehr „Wer war das?“ sondern „We* war das?“. Absurd! Da kann man ja nur noch Sternchen sehen…

 

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