Die Geschichte vom Weißkohl und den Dödölle

Dezember 2017. Draußen winterähnliches Wetter. Drinnen schön warm und muggelig, die Couch verlockend weich. Dem wunderbaren Mann an meiner Seite und mir ist nach Fernsehen. Schau an, auf arte gibt es eine kleine Doku über den ungarischen Balaton (Plattensee) und seine kulinarischen Facetten. Sehr schön, vielleicht kann ich noch etwas lernen, schließlich steht ja Ende des Monats die Verwandtschaft aus Budapest auf der Matte. Tja … um die Spannung jetzt nicht bis ins Unermessliche wachsen zu lassen: Der Lerneffekt hielt sich in Grenzen. In sehr, sehr engen Grenzen.

Dabei fing es so schön an. Mit zauberhaften Bildern, die eine ursprüngliche, menschenverlassene Landschaft rund um den Balaton zeigen, den See im Winter, das Schilf am Ufer, das sich im Winde wiegt. Ich bin überrascht, denke ich doch zuerst an die Kindheitserzählungen des wunderbaren Mannes an meiner Seite, in denen von unromantischen Betonstegen die Rede war und dann an die Bilder aus einer anderen Reportage, in der leere deprimierend graue Betonhotels in wirklich sehr unromantischer Plattenbauweise am Rande des Sees die zwei oder drei letzten Touristen auf Betonterrassen mit unpassend grellen und aufdringlich blinkenden Leuchtreklamen spuckten. Ganz offensichtlich ist der See aber größer und betonloser, als ich dachte. Müssen wir beim nächsten Urlaub gleich mal überprüfen, notiere ich mir still auf meiner imaginären Muss-ich-sehen-Liste.

Mit der Titelmelodie und den ersten Bildern endet allerdings auch der Bildungsauftrag, den man einem Sender wie arte ja unterschwellig irgendwie immer unterstellt. Der Rest des Berichts liegt irgendwo zwischen Entsetzen und absurder Komik.

Erstes Thema: Káposzta (Sauerkraut). Dorf Nr. 1. Eine Frau, deren Mann László heißt, wie alle ungarischen Männer (na gut, fast alle), steht mit ihrem 10-jährigen Sohn in der Küche und reibt Kohl über einen Hobel mit Holzgriff, der seinem Äußeren nach zu urteilen bereits seit Generationen in der Familie weitervererbt wird, ebenso wie der große Bottich aus sehr dunklem Holz, den sie permanent mit den neusten Hobelergebnissen und Gewürzen befüllt. Dann fordert sie das barfüßige Kind auf, in das urzeitlich anmutende Gefäß zu klettern und auf dem Kraut herumzutrampeln (womit es, wie es scheint, ab jetzt den Rest seiner Sommerferien verbringen darf, da es mit seinen zehn Jahren im perfekten Stampfalter sei und das ganze Dorf auf seine Trampelqualitäten warte). Die Mutter strahlt in die Kamera: „Das Wichtigste in meinem Leben ist mein Mann, direkt danach kommt der Weißkohl.“ Kameraschwenk auf das Kind.

Nächstes Dorf, nächstes Thema, und mein zweites sprachliches Highlight: Dödölle (Schupfnudeln). Von dem lebenswichtigen Weißkohl bereits in eine alberne Grundstimmung versetzt beschert mir der in den nächsten Minuten unfassbar oft rezitierte Name des Gerichts einen geradezu unwürdigen Lachkrampf.
Stoppen kann mich nur die Verwunderung über fünf verheiratete Frauen im besten Alter, die mitten im Winter in einer Art Dorf-Grillhütte samt Steinofen und Kochfeld stehen, und, als wäre es das Normalste der Welt, in Daunenjacke und mit Schal umwickelt besagte Dödölle zuzubereiten. Die forscheste unter ihnen unterweist ihre Freundinnen in der versierten Nockenformung mit zwei Löffeln statt mit den Händen, was eine rege Diskussion auslöst.

Auf weitere sprachliche Highlights habe ich leider vergeblich gewartet. Dafür beglückt mich arte mit Szenen von Männern (Lászlós und Nicht-Lászlós) bei der winterlichen Schilfernte, die in ihrer Pause am Seeufer stehend die von den Frauen gebrachten Dödölle probieren, sich selbst und ihre Arbeit sehr wichtig finden und herzlich lachen, als einer sagt, dass die Schilfernte eben echte Männerarbeit sei.
Noch während meine Hand auf meine Stirn klatscht, erscheint eine große, laut ratternde, sehr alte Webmaschine im Bild, dahinter eine nicht minder alte Frau mit absurd orangen Haaren, die einzeln im Zeitlupentempo Schilfstangen in die Maschine wirft, auf dass in ferner Zukunft eine Schilfmatte daraus werde. Eine jüngere Frau steht daneben und sieht der Arbeit zu. Zwischendurch kocht ein László Gulasch, später langweilt ein Opa seinen brav frierenden Enkel noch beim Eisfischen im zugefrorenen See, bevor 26 Minuten voller nervenzerreißender Spannung schließlich zu Ende gehen.

Aber zurück zum Lerneffekt. Was habe ich nun also aus dem halbstündigen Ausflug ins Bildungsfernsehen für mich mitgenommen, abgesehen von dem Urlaubstipp?

1. Hauptzutat in allen ungarischen Gerichten sind Zwiebeln.

2. Mindestens zwölf Menschen aus zwei ungarischen Dörfern irgendwo am Balaton scheinen ein echt schräges Leben abseits jeglicher Emanzipation und moderner Küchengeräte zu führen.

3. Wer Sauerkraut machen will, braucht ein zehnjähriges Kind.

4. Dödölle ist ein sehr, sehr lustiges Wort.

Advertisements

Silvester auf ungarisch oder: Die Tuschmaschine

„Die Familie kommt!“, sprach der wunderbare Mann an meiner Seite, und seine himmelblauen Augen hüpften ein bisschen vor Freude. Und so war es dann auch. Die Familie kam, samt 3-jähriger Nichte und einer gigantischen Flut von Koffern, die uns kurz zweifeln ließ, ob im Vorfeld statt besuchen nicht doch der Begriff einziehen gefallen war. Viereinhalb Ungarn, eine Deutsche, eine Wohnung, eine Woche. Inklusive Silvester. Es sollte ein denkwürdiges werden.

An Tag 2 entdeckt das Kind die (auf verschleierten Pfaden zu uns gelangte) Tuschmaschine. Kennen Sie nicht? Es handelt sich dabei um einen kleinen roten Kasten mit einem Lautsprecher, 16 Knöpfen und einem Bändel, an dem ihn sich normalerweise karnevalstrunkene Kölner in der fünften Jahreszeit um den Hals hängen, um jederzeit ihre unverbrüchliche Feierwut kundtun zu können, ohne das eigene Stimmorgan dafür bemühen zu müssen, das schließlich schon genug damit zu tun hat, Kölsch an sich vorbeifließen zu lassen.
Das Kind drückt etwas unsicher auf die erste Taste, und überraschend laut ertönt ein mir allzu vertrautes Geräusch: Tätääääää – tätääääää – tätääääää! Das Kind gluckst. Eigentlich hasse ich Karneval. Und doch: Ganz die stolze Tante aus Deutschland blicke ich die Kleine gerührt an. Ihr erster Karnevalstusch! Hach ja. Fast könnte man das Bedürfnis verspüren, eine Büttenrede zu halten. Nun ja, fast.

Tag 3: Kölle – Alaaf! Kölle – Alaaf! Kölle – Alaaf! ruft die Tuschmaschine. Der auf meiner Jahresend-Playlist verewigte Bing Crosby säuselt im Hintergrund I’m dreaming of a white Christmas. Aber was weiß der schon. Nix eigentlich, draußen sind es nämlich 10-15 Grad, im Grunde bestes Karnevalswetter. Das Kind scheint das ganz genauso zu sehen und probiert fleißig Knöpfe aus. Und so sitzt die Familie Ende Dezember im Wohnzimmer versammelt, um den zunehmend schwächer lamettaglitzernden Weihnachtsbaum (das Kind legt ein ausgesprochenes Talent zum Abpflücken von Lametta an den Tag) herum, während ein kräftiges Köbes – en Kölllsch, begleitet von kneiptentypischen Nebengeräuschen durch den Raum hallt. Das Kind ist begeistert. Statt Köbes versteht es zwar Krampus (die Schreckgestalt, die in Teilen Süddeutschlands, Osteuropas und in Österreich den heiligen Nikolaus begleitet), das scheint seiner Freude allerdings keinerlei Abbruch zu tun. Kölsch muss in Ungarn eine schlimme Drohung sein.

Tag 4: Die ungarische Familie wird immer textsicherer. Alle können inzwischen Kamelle! rufen, mit Strüssjer! tut man sich dagegen noch schwer. Die ersten Klänge von Denn wenn dat Trömmelche jeht sind aber schon allen in Fleisch und Blut übergegangen. Auch der Refrain von Viva Colonia wird fleißig mitgesummt und mitgeschunkelt.
Allmählich frage ich mich, wie es passieren konnte, dass ich, ausgerechnet ich, die Kölnerin ohne Karnevalsgen, zur geheimen Botschafterin des Kölner Karnevals werden konnte. Keiner hier hat auch nur den Hauch einer Ahnung, wie absurd diese ganze Szenerie ist.

Tag 5: Das Schunkeln scheint ungeahnte Kräfte freigesetzt zu haben. Die Arbeit an eigenen Choreographien beginnt. Während ich an den letzten Weihnachtsplätzchen knabbere, sehe ich mir abwechselnd schmunzelnd und stirnrunzelnd an, wie der wunderbare Mann an meiner Seite und meine wunderbare Schwiegermutter sich an den Händen fassen und im Esszimmer zu den Klängen von Ritsch-Ratsch, de Botz kapott ein Tänzchen improvisieren. Das Kind klatscht vor Freude. Die Nachbarn von gegenüber verbringen ihre Abende inzwischen größtenteils vorm Fenster. Ab und zu winken wir freundlich hinüber.

Tag 6: Tanzen, Schunkeln, Summen und Singen reichen dem Kind nicht mehr. Es hat herausgefunden, dass sich die Töne der Tuschmaschine abkürzen lassen, wenn es noch während des Abspielens auf einen anderen Knopf drückt. Kam…Alaaa…Da simmer da… Strüssjer! mixt die kleine DJane zusammen. Begabt, das Kind. Tätääääää – tätääääää – tätääääää!

So geht schließlich eine Woche voller Karneval zu Ende. Weihnachtsbaum, Plätzchen, Glühwein, Raclette und Silvesterraketen inklusive. Auch wenn sich daran wahrscheinlich später keiner mehr erinnert. Was die Familie dagegen in ihren Herzen und Köpfen nach Ungarn tragen wird, sind Kamelle, Strüssjer, Kölsch und Karnevalsmelodien. Wenn das mal nicht die Geburtsstunde einer ganz neuen ungarischen Silvestertradition ist.

 

Ungarisch für Anfänger und Verzweifelte, Teil 5: Grammatik oder: Die Hoffnung stirbt zuerst

Die Grammatik ist das Grundgerüst einer Sprache, an das man sich halten kann, um zu begreifen, wie eine Sprache funktioniert. Sie besteht aus Regeln, auf die man immer zurückgreifen kann, wenn man seine ersten Schritte in der fremden Sprache geht. Sie hilft einem also, eine Sprache zu erlernen. In der Regel. Bis auf – Sie ahnen es – die ungarische Grammatik. Die hilft nun wirklich niemandem. Höchstens auf die Palme…

Man bekommt in Deutschland kaum Lehrbücher für Ungarisch. Ich hatte mir damals aus der spärlichen Auswahl das Büchlein Ungarisch ohne Mühe vom Assimil-Verlag ausgesucht. Der Titel klang schließlich vielversprechend. Hatte ich mich bisher vielleicht getäuscht? Gab es doch einen ganz einfachen Zugang zu dieser Sprache, den ich bisher einfach nur nicht gefunden hatte? Womöglich, weil ich gar nicht gesucht hatte? Jetzt war ich echt gespannt. Ich konnte es kaum erwarten, mit dem Grammatiklernen loszulegen. Und selbst ich als Sprachenfreundin kann nicht behaupten, das schon besonders oft gedacht zu haben.

Die ersten Lektionen liefen gut. Ich hatte das Gefühl, etwas zu lernen. Ich lernte zählen. Und einfache Sätze. Dass es auch mal ohne Verben geht. Und dass Endungen harmoniesüchtig sind. Denn es gibt eine so genannte Vokalharmonie. Der zufolge passen sich Endungen an die dominierenden Vokale im Stammwort an (also so in etwa zumindest). Mal konkret: Das deutsche Präpositiönchen in wird auf Ungarisch mit der Endung -ben ausgedrückt (also meistens zumindest). In Berlin heißt demnach Berlinben (sprich: Bäärlinbänn). Will man aber in Bonn sagen, wird das -ben zum -ban, sodass es Bonnban (sprich: Bohnnbonn) heißt.*

Die Illusion der mühelos erlernbaren Grammatik platzte allerdings einige Seiten später, irgendwo zwischen possessivierten Postpositionen und Konjugationen, bei denen man sich jedes Mal zwischen einer unbestimmten und bestimmten Form entscheiden muss. Allerspätestens aber beim Vorblättern auf den Grammatik-Überblick im Anhang. Da standen sie nämlich. Alle 23 Fälle. In Worten: Dreiundzwanzig. Dreiundzwanzig??? Diese Zahl erstickt doch jegliche Motivation im Keim, verstehen zu wollen, wozu man so viele Fälle überhaupt braucht. Oder wie man sie bildet. Oder warum. Oder warum man es überhaupt versuchen sollte. Stattdessen begann ich plötzlich, einen ganz neuen Charme in der bisherigen Ein-Wort-Kommunikation mit meiner Schwiegermutter zu entdecken. Pfff, Grammatik. Vollkommen überbewertet. Und ich beschloss: Was man nicht im Kopf hat, hat man eben in Händen und Füßen.

 

*Der wunderbare Mann an meiner Seite amüsiert sich gerade übrigens großartig damit, ungarische Sätze über Bonn und Bonbons zu bilden. A legjobb bonbon Bonnban van. (Sprich: O läkjop bonnbonn bohnnbonn wonn.) Heißt: In Bonn gibt es die besten Bonbons. Sollten wir vielleicht als Slogan an Haribo verkaufen.

Ungarisch für Anfänger und Verzweifelte, Teil 4: Verkehrte Welt

Die Ungarn machen alles anders. 1. Niemand beeilt sich, um pünktlich zu einem privaten Termin zu erscheinen (und auch sonst beeilt man sich sehr selten). 2. Der Namenstag ist wichtiger als der Geburtstag. Jeder weiß, wann der andere Namenstag hat. (Da es in jeder Familie allerdings mindestens drei Lászlós gibt, ist das wahrscheinlich auch weniger kompliziert als man jetzt denkt.) 3. Fremdwörter, die wir hinten betonen, betonen die Ungarn vorne: Hotel statt Hotel, Büfe statt Büffet (wobei hier die Schreibweise abweicht, und  nicht nur die, denn ein Büfe ist in Ungarn das, was bei uns ein Imbisslokal ist).

Und was in Ungarn noch ganz anders ist: die Namen. Im Gegensatz zu wohl allen anderen westlichen Ländern (mit Ausnahme eines gewissen „Freistaats“ im Südwesten Deutschlands) wird dort nämlich der Nachname immer vor dem Vornamen genannt. Zum ersten Mal fiel mir dies auf, als ich dem wunderbaren Mann an meiner Seite, der zufällig – na wie wohl – László heißt, beim Unterschreiben über die Schulter sah. Abgesehen davon, dass ich vor lauter Schwärmerei über seine perfekt geschwungene Signatur, die jedes Mal, aber auch wirklich jedes Mal identisch aussieht, in helle Begeisterung ausbrach, stutzte ich plötzlich, weil auf dem Papier tatsächlich nicht László Nachname, sondern eben Nachname László stand. Das kannte ich bisher wirklich nur von den Bayern, und auch nur mündlich. (Die hatten mich allerdings noch nie in helle Begeisterung versetzt.) Von meinem damaligen Chef zum Beispiel, der sich gerne als Lohmeyer Schorsch (Name geändert) vorstellte und auch von externen Mitarbeitern gerne so sprach: „Frau Kunz, fragen Sie doch mal die Muster Erika (Name frei erfunden)!“ In Ungarn ist diese verkehrte Welt allerdings kein regionales Phänomen, sondern korrekter Sprachgebrauch. Was dann in Deutschland schon mal zu leicht skurrilen Situationen führen kann. Nämlich genau dann, wenn der wunderbare Mann an meiner Seite bei meinen Eltern von einem früheren ungarischen Nachbarn erzählt und merkwürdig fröhlich mehrfach einen gewissen Tóth Attila erwähnt. „Was für ein toter Attila denn?“ meinte ich auf den krausgezogenen Stirnen meiner Eltern ablesen zu können. Es machte sich spürbare Erleichterung im Raum breit, als ich aufklärte, dass Tóth einer der häufigsten Nachnamen in Ungarn und der Genannte noch quicklebendig ist, nur eben Attila Tóth heißt. Quasi der ungarische Peter Müller. Nur anders.

Ungarisch für Anfänger und Verzweifelte, Teil 3: Lang, länger, am längsten

Ungarisch gehört zu den agglutinierenden Sprachen. So nennt die Linguistik Sprachen, die „die grammatischen Funktionen durch das Anfügen von Affixen an den Wortstamm ausdrücken“ (Duden). Im Klartext: Aus kleinen, unschuldigen Wörtchen werden im Laufe ihres grammatischen Lebens immer längere und längere Gebilde, bis irgendwann wahre Wortungetüme entstehen. Personalpronomen, Possessivpronomen, Präpositionen – alles wird einfach hinten angehängt.

Zunächst ein harmloses Beispiel, um Ihnen das Prinzip zu verdeutlichen:

ház heißt Haus
házám heißt mein Haus
házáim heißt meine Häuser
házaimban heißt in meinen Häusern

Das sieht doch gar nicht so schlimm aus, werden Sie sagen. Stimmt, schafft man noch. Aber es gibt viel, viel schlimmere Beispiele. Vor allem, wenn Komposita ins Spiel kommen. Wollen Sie mal sehen? Kein Problem!
Hier kommt also schlimmes Beispiel Nummer 1:

köszönet heißt Dank
köszönni heißt danken
köszönetnyilvánítás heißt Danksagung/Dankesbezeigung
köszönetnyilvánításotokként heißt als Dankesbezeigung von euch

Und gleich noch schlimmes Beispiel Nummer 2:

közlekedés heißt Verkehr
biztonság
heißt Sicherheit
közlekedésbiztonság heißt Verkehrssicherheit
Beszéljünk a közlekedésbiztonságotokról! heißt Sprechen wir von eurer Verkehrssicherheit!

Und weil aller schlimmen Dinge drei sind, hier schließlich schlimmes Beispiel Nummer 3:

labda heißt Ball
labdarúgás heißt Fußball
labdarúgó-válogatott heißt Fußballauswahl
a labdarúgó-válogatottotokként heißt als eure Fußballauswahl

Selbstredend ist das alles eine Frage der Perspektive. Der wunderbare Mann an meiner Seite findet das gar nicht schlimm. Seine komplette Familie auch nicht. Sie alle jonglieren fröhlich mit Pronomen, Fällen und anderen grammatischen Finessen umher. Und nein, es handelt sich nicht um eine Horde von Inselbegabten – die einzigen, denen ich das ansonsten noch zutrauen würde. Sie sind schlicht und ergreifend Muttersprachler.

Ist das nicht einfach unvergleichlich, also összehasonlíthatatlan (das ist gesprochen noch viel lustiger, in etwa: ‚össehoschoonliehottottlonn)?

Also, ich bleibe am labda und sammele weitere Erkenntnisse zu dieser gyönyörű Sprache (siehe Teil 1).
Bis bald, liebe Leser – bzw. hamarosan találkozunk, tisztelt olvasók!

 

 

Ungarisch für Anfänger und Verzweifelte – Teil 2: Aussprache

Ungarisch gehört zur finno-ugrischen Sprachfamilie, die im Wesentlichen aus Finnisch, Estnisch und Ungarisch besteht und hat rein gar nichts mit den germanischen oder romanischen Sprachen zu tun. Bis auf ein paar wenige Lehnwörter, die aber auch recht eigen ausgesprochen werden, erkennt man einfach nichts wieder. Alleine, um mir das Wort für „ja“ zu merken, habe ich ewig gebraucht. „Igen“ (sprich: ‚i|gän) liegt einem nicht gerade auf der Zunge. So muss man sich nicht wundern, dass auch die Aussprache etwas… sagen wir gewöhnungsbedürftig klingt.

Regel Nummer 1: Alle Wörter werden auf der ersten Silbe betont. Auch Wörter mit fünf oder mehr Silben (und glauben Sie mir, davon gibt es mehr, als Sie denken). Und auch Lehnwörter (also Wörtern, die sich eine Sprache von einer anderen abgeguckt hat). Was zu so lustigen Wörtern wie „Muuseum“ oder „Hootel“ führt. Als Nicht-Schwabe (da heißt es doch auch „rrrro“ und „BeeHaa“) kommt man sich echt albern vor, wenn man das sagt.
Es gibt übrigens eine Ausnahme: Pizzeria wird nicht auf der ersten Silbe betont. Allerdings auch nicht auf der dritten, wie wir es tun. Stattdessen heißt es: Pizzeeeria.

Regel Nummer 2: Alles wird ausgesprochen. „Ach, wie im Deutschen?“ werden Sie sagen. Nein. Die Ungarn sind sehr, sehr viel gründlicher als wir. Sie murmeln nicht, sie verschlucken nichts. Wenn ein Deutscher Hammer sagt, klingt es im Grunde mehr wie Hamma. Wenn ein Ungar Hammer sagt, klingt es dagegen wie Hammeeerrrr. (Was natürlich ein schlechtes Beispiel ist, weil Hammer ja gar kein ungarisches Wort ist.) Der wunderbare Mann an meiner Seite war es, der mich vor Jahren darüber aufklärte, dass wir Deutschen unser R ja gar nicht ordentlich aussprechen würden. Wie zum Beispiel in gar oder in ordentlich. Da würde der arme kleine Buchstabe ja fast untergehen. Also aus der ungarischen Perspektive betrachtet. In Ungarn geht gar nichts unter, da wird jeder Buchstabe gehegt, gepflegt und gefälligst ausgesprochen. Viszontlátásra spricht sich demnach ‚Wisssontlaataaschrroo. Übrigens: Dieses niedliche Wortungetüm ist kein seltenes Relikt, sondern wird täglich benutzt und steht sogar in vielen Geschäften auf einem Schild an der Tür. Was es heißt?
Auf Wiedersehen!

Ungarisch für Anfänger und Verzweifelte – Teil 1: Ö ist nicht gleich Ö

Ungarisch ist grausam. Grausam auszusprechen und grausam schwer zu lernen. Die ungarische Grammatik ist so etwas wie der Wikinger unter den Sprachen: brutal und (Gehirnzellen) vernichtend. Für einen Sprachenfreak wie mich also genau das Richtige! Zugegeben, ohne den wunderbaren Mann an meiner Seite, der zu den geschätzt 16 Millionen ungarischen Muttersprachlern weltweit gehört, wäre ich dieser außergewöhnlichen Sprache wohl nie begegnet. An sich sind längere Begegnungen mit ihr aus den oben erwähnten Gründen auch schwer auszuhalten. Daher beschränkt sich mein Wortschatz mehr oder weniger auf ein paar nützliche Sätze (wie „Ich mag keine Milch.“ oder „Das war eine Lüge.“ – nützlich liegt schließlich immer im Auge des Betrachters) und einzelne Vokabeln mit hohem Wiedererkennungswert. Grammatisch habe ich meinen Zenit wohl schon mit der Erkennung von Pluralformen und Akkusativ-Objekten erreicht.

Doch nur geteiltes Halbwissen ist gutes Halbwissen, und so möchte ich den geneigten Leser in ein paar kurzen Lektionen an den von mir gesammelten Kuriositäten  des Ungarischen teilhaben lassen.

Lektion 1: Das Ö.

Das ungarische Alphabet hat mich schnell gelehrt, dass die Deutschen nicht die Könige der Umlaute sind. Gut, wir das „ä“, das gibt es im Ungarischen nicht. Dafür gibt es zwei verschiedene „ö“s und zwei verschiedene „ü“s. Nämlich jeweils eins mit Strichen (langer Vokal) und eins mit Punkten (kurzer Vokal).

Meine Lieblingsbeispiele (Wörter mit drei Umlauten in max. vier Silben – einfach großartig):

1. Kurzes „ö“:   Köszönöm (sprich: kössönömm) = (ich) danke
2. Langes „ö“:  cipőfűző (sprich: zipööfüüsöö) = Schnürsenkel

Ist das nicht herrlich? Oder, wie der Ungar sagen würde, gyönyörű* (sprich: djöndjörüü)?

 

*Das war jetzt reiner Zufall, da ich das Wort für „herrlich“ bis vorhin noch gar nicht kannte. Aber glauben Sie mir, es gibt auch ungarische Wörter ohne Umlaute. Oder nur mit einem. Oder zweien. Doch, wirklich.