Silvester auf ungarisch oder: Die Tuschmaschine

„Die Familie kommt!“, sprach der wunderbare Mann an meiner Seite, und seine himmelblauen Augen hüpften ein bisschen vor Freude. Und so war es dann auch. Die Familie kam, samt 3-jähriger Nichte und einer gigantischen Flut von Koffern, die uns kurz zweifeln ließ, ob im Vorfeld statt besuchen nicht doch der Begriff einziehen gefallen war. Viereinhalb Ungarn, eine Deutsche, eine Wohnung, eine Woche. Inklusive Silvester. Es sollte ein denkwürdiges werden.

An Tag 2 entdeckt das Kind die (auf verschleierten Pfaden zu uns gelangte) Tuschmaschine. Kennen Sie nicht? Es handelt sich dabei um einen kleinen roten Kasten mit einem Lautsprecher, 16 Knöpfen und einem Bändel, an dem ihn sich normalerweise karnevalstrunkene Kölner in der fünften Jahreszeit um den Hals hängen, um jederzeit ihre unverbrüchliche Feierwut kundtun zu können, ohne das eigene Stimmorgan dafür bemühen zu müssen, das schließlich schon genug damit zu tun hat, Kölsch an sich vorbeifließen zu lassen.
Das Kind drückt etwas unsicher auf die erste Taste, und überraschend laut ertönt ein mir allzu vertrautes Geräusch: Tätääääää – tätääääää – tätääääää! Das Kind gluckst. Eigentlich hasse ich Karneval. Und doch: Ganz die stolze Tante aus Deutschland blicke ich die Kleine gerührt an. Ihr erster Karnevalstusch! Hach ja. Fast könnte man das Bedürfnis verspüren, eine Büttenrede zu halten. Nun ja, fast.

Tag 3: Kölle – Alaaf! Kölle – Alaaf! Kölle – Alaaf! ruft die Tuschmaschine. Der auf meiner Jahresend-Playlist verewigte Bing Crosby säuselt im Hintergrund I’m dreaming of a white Christmas. Aber was weiß der schon. Nix eigentlich, draußen sind es nämlich 10-15 Grad, im Grunde bestes Karnevalswetter. Das Kind scheint das ganz genauso zu sehen und probiert fleißig Knöpfe aus. Und so sitzt die Familie Ende Dezember im Wohnzimmer versammelt, um den zunehmend schwächer lamettaglitzernden Weihnachtsbaum (das Kind legt ein ausgesprochenes Talent zum Abpflücken von Lametta an den Tag) herum, während ein kräftiges Köbes – en Kölllsch, begleitet von kneiptentypischen Nebengeräuschen durch den Raum hallt. Das Kind ist begeistert. Statt Köbes versteht es zwar Krampus (die Schreckgestalt, die in Teilen Süddeutschlands, Osteuropas und in Österreich den heiligen Nikolaus begleitet), das scheint seiner Freude allerdings keinerlei Abbruch zu tun. Kölsch muss in Ungarn eine schlimme Drohung sein.

Tag 4: Die ungarische Familie wird immer textsicherer. Alle können inzwischen Kamelle! rufen, mit Strüssjer! tut man sich dagegen noch schwer. Die ersten Klänge von Denn wenn dat Trömmelche jeht sind aber schon allen in Fleisch und Blut übergegangen. Auch der Refrain von Viva Colonia wird fleißig mitgesummt und mitgeschunkelt.
Allmählich frage ich mich, wie es passieren konnte, dass ich, ausgerechnet ich, die Kölnerin ohne Karnevalsgen, zur geheimen Botschafterin des Kölner Karnevals werden konnte. Keiner hier hat auch nur den Hauch einer Ahnung, wie absurd diese ganze Szenerie ist.

Tag 5: Das Schunkeln scheint ungeahnte Kräfte freigesetzt zu haben. Die Arbeit an eigenen Choreographien beginnt. Während ich an den letzten Weihnachtsplätzchen knabbere, sehe ich mir abwechselnd schmunzelnd und stirnrunzelnd an, wie der wunderbare Mann an meiner Seite und meine wunderbare Schwiegermutter sich an den Händen fassen und im Esszimmer zu den Klängen von Ritsch-Ratsch, de Botz kapott ein Tänzchen improvisieren. Das Kind klatscht vor Freude. Die Nachbarn von gegenüber verbringen ihre Abende inzwischen größtenteils vorm Fenster. Ab und zu winken wir freundlich hinüber.

Tag 6: Tanzen, Schunkeln, Summen und Singen reichen dem Kind nicht mehr. Es hat herausgefunden, dass sich die Töne der Tuschmaschine abkürzen lassen, wenn es noch während des Abspielens auf einen anderen Knopf drückt. Kam…Alaaa…Da simmer da… Strüssjer! mixt die kleine DJane zusammen. Begabt, das Kind. Tätääääää – tätääääää – tätääääää!

So geht schließlich eine Woche voller Karneval zu Ende. Weihnachtsbaum, Plätzchen, Glühwein, Raclette und Silvesterraketen inklusive. Auch wenn sich daran wahrscheinlich später keiner mehr erinnert. Was die Familie dagegen in ihren Herzen und Köpfen nach Ungarn tragen wird, sind Kamelle, Strüssjer, Kölsch und Karnevalsmelodien. Wenn das mal nicht die Geburtsstunde einer ganz neuen ungarischen Silvestertradition ist.

 

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Ganz schön viel Lametta

Sonntag, der dritte Advent. Wir befinden uns im Wohnzimmer einer gewissen Übersetzerin und eines gewissen wunderbaren Mannes, der an ihrer Seite lebt. Der nigelnagelneue Christbaumständer „Comfort S“ steht endlich am richtigen Platz und umklammert so fest er eben kann die am Vortag erstandene und im richtigen Licht eigentlich kaum noch asymmetrische Tanne der weihnachtlichen Begierde. Eine hübsche in heimeligem Gelbweiß strahlende Lichterkette umrankt das Bäumchen und sorgt für gemütliche Grundstimmung. Davor eine offene Kiste mit roten Christbaumkugeln und roten und goldenen Holzengelchen zur Verzierung des nadeligen Grüngewächses.

Auftritt Übersetzerin, gefolgt vom wunderbaren Mann an ihrer Seite.
„Schluss mit Früher war mehr Lametta! Jetzt wird endlich wieder geglitzert.“ Selig lächelt sie die silbernen Fäden in ihren Händen an und reißt die Packung auf. Er seufzt. Sie greift beherzt zu, positioniert sich frontal vor dem Baum und – ja, und nun? Das letzte Lametta liegt Jahrzehnte zurück. Schwungvoll hängt sie ein gutes Bündel des Glitzerguts probeweise über einen Zweig. Ähm, nein. Der Gatte gluckst ungläubig. Zweiter Versuch. Neuer Zweig, weniger Fäden, selbe miserable Wurf-Hänge-Technik. Oh Gott. Hat es am Ende doch einen Grund, dass heute weniger Lametta ist? Der Gatte gluckst wieder und entreißt ihr den silbrigen Zierrat. „Da muss wohl mal ein Christbaumschmückprofi ran.“ – „Bist du jetzt etwa Lametta-Experte, oder was?“ Und, so erstaunlich das ist, innerhalb von Sekunden ist klar: Ja, ist er. Oder, in seinen eigenen Worten: Lametta-Künstler.

Verlassen wir nun besagtes Wohnzimmer und begeben uns in den Kopf der gewissen Übersetzerin, die dem wunderbaren lamettabegabten Mann an ihrer Seite inzwischen nur noch bewundernd bei der Arbeit zusieht.
Lametta … woher kommt das eigentlich? Gleich mal soocheln. Klar, aus dem Italienischen, dachte ich mir. Die Verkleinerung von „lama“, das heißt „Metallblatt“. Aha, und hier steht ja auch, dass die Italiener angeblich die ersten waren, die auf die Idee kamen, Weihnachtsbäume damit zu schmücken. Gut, wäre das schon mal geklärt.
Hihi, in mehreren Wörterbüchern wird das italienische „Lametta“ nur mit „Rasierklinge“ wiedergegeben. Heißt das auf Italienisch inzwischen etwa ganz anders? Orpello, capelli d’angelo, Lametta – wer weiß das schon, das Internet auf jeden Fall nicht so richtig. Hätte ich Italienisch im Studium bloß mal länger durchgezogen. Ah, ein Eintrag vom großen Versandhändler. Was ist das denn?? Hahahahahaha … hahahaha …

An dieser Stelle steigen wir mal lieber wieder aus dem Kopf der Übersetzerin aus, bei diesen Lachbeben rüttelt und schüttelt es immer so. Und wenden uns stattdessen dem Grund des Heiterkeitsausbruchs zu, einem zunächst viel belächelten, von manchen heute groß gefürchteten, oft heiß diskutierten und heiklen Thema: der maschinellen Übersetzung.
Der Konzern mit der großen Suchmaschine versucht sich da ja schon länger drin. Gibt man dort zum Beispiel ein: „Früher war mehr Lametta“, dann kommt auf Italienisch: „Prima c’era più tinsel“ heraus. Zwar sehr wörtlich übersetzt, könnte (soweit meine kümmerlichen 3 Semester Italienisch mich das beurteilen lassen) bis auf das letzte Wort aber hinkommen. „Tinsel“ klingt aber nicht italienisch, finden Sie? Völlig richtig, denn das ist das englische Wort für Lametta. Wenn man nicht weiterweiß, einfach englisch sprechen. Tse. Typisch Ami.

Seit einiger Zeit gibt es übrigens eine andere Maschine, die das alles etwas besser kann, die Satzbau und auch Metaphern öfter mal erkennt und ständig dazulernt.* Vor der haben manche Übersetzer jetzt Angst. Ich eher nicht, weil ich keiner Maschine, auch keiner künstlichen Intelligenz, die Kreativität zutraue, mit Sprache und Worten so zu spielen, wie wir Menschen das können.

Aber zurück zum Thema: Lametta. Lustig. Es ist so: Ein britischer Anbieter bietet beim großen Internet-Versandhändler Lametta zum Verkauf an. Klickt man dort auf die Infos zum Artikel findet man die folgenden schlagenden Verkaufsargumente:

– „Schlank Dekoration auch bekannt als Capelli d’Angelo oder Rasierklinge“ (Aua!!!)
– „Ideal für Baum Dressing oder Haus Verarbeitung in der gesamten the Year“ (Yeah!)

Sowas bringt die gemeine Übersetzerin unter uns schon mal zum Lachen. Und wenn sie damit fertig ist, applaudiert sie dem wunderbaren Künstler an ihrer Seite pflichtschuldigst lächelnd und bei sich denkend: Also so viel mehr Lametta kann das früher nicht gewesen sein.

 

 

*Wen es interessiert: Die neue Supermaschine bietet für „Früher war mehr Lametta“ gleich drei Möglichkeiten an, unter anderem „Ci sono stati più orpelli“ (Es gab einmal mehr Lametta) und „C’era un tempo più orpello“ (Es war einmal mehr Lametta). „Orpello“ findet man in so manchem Wörterbuch für Lametta. Vorausgesetzt, das stimmt (ich als Übersetzerin traue ja keinem Wörterbuch), ist recht bemerkenswert, dass „Lametta“ hier einmal als Substantiv und einmal als Adjektiv erkannt wurde, und nicht wörtlich am Ausgangstext geklebt wurde. Nicht mal so schlecht (zumindest aus der Sicht von jemandem, der nur 3 Semester Italienisch hatte). Immerhin intelligenter als beim großen G.

Wir haben nur eine Erde? Schön wär’s!

Im vergangenen Frühjahr habe ich etwas höchst Ungewöhnliches an mir entdeckt, das weder ich noch sonst jemand, der mich kennt, mir bisher zugetraut hatte: einen grünen Daumen. Gut, sagen wir einen hellgrünen. Zumindest hellgrün anmutend. Ins Hellgrün changierende. Quasi einen, der gern grün wäre. In anderen Worten: Ich entdeckte die Liebe zum Gärtnern. Wohlgemerkt: Liebe. Nicht Erfolg. Nach ausreichend langer Liebe kommt der vielleicht noch, aber im Augenblick kann und soll davon nicht die Rede sein. Meiner Begeisterung tut das allerdings keinen Abbruch.
Alles begann mit einem saisonweise anmietbaren Gemüsegarten, in dem ich den Großteil meiner Sommersonntage verbrachte und selig zwischen Reihen von Mangold und Karotten hockend Unkraut rupfte. Es war die wahre Freude. Und meine ganz persönliche Form der Meditation. Recht schnell beschloss ich, dass sich auch der heimische Balkon meiner neugefundenen Passion nicht länger entziehen sollte. Rundherum gemessen 5,55 m Geländer – das hieß 5,55 m ungenutztes Potenzial. Nichts wie ab in mein neues Shopping-Paradies: das Gartencenter!

Erster Punkt auf der Einkaufsliste: Balkonkästen. Was Schickes, nicht so ein Plastik-Billigzeugs. Soll ja was hermachen. Diese stabilen da vorne im Landhaus-Stil, romantisch-verspielt, in Weiß oder Gelb vielleicht, oder da hinten, die hübschen aus Zinn, schwärmend rief ich dem wunderbaren Mann an meiner Seite zu: „Schau mal hier, sind die nicht …“ – Oh. Ein Preisschild stellte sich zwischen mich und das Objekt meiner Begierde. Nun, bei genauer Betrachtung sind die dünnen Kunststoffkästen für den Anfang ja vollkommen ausreichend. In den erstaunlich gleichgültigen Blick des wunderbaren Mannes an meiner Seite schien sich Erleichterung zu mischen.

Punkt zwei: Balkonkasten-Inhalt. Schön oder nützlich? Schön und nützlich. 2 Kästen Küchenkräuter, 2 Kästen Blumen. Na, das ging ja flott. Prima, dann kann ich das Entscheidungszentrum meines Hirns ja schon mal in den Feierabend schicken.
Nur noch schnell Erde holen. Also einen kurzen Abstecher aufs Außengelände, wo es gerüchteweise in großen Plastiksäcken auf uns warten soll, das torfige Glück. Zielsicher schreiten wir durch die Tür und bleiben verdutzt gleich wieder stehen. Uff. Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. Reihenweise Paletten, auf denen sich Säcke unterschiedlicher Größe und Couleur türmen. Etwas verunsichert laufen wir von Stapel zu Stapel und lesen uns durch den Schilderwald und Preisdschungel. Schnell ist klar, dass hier gar nichts „nur noch schnell“ gehen wird. Das Entscheidungszentrum wird Überstunden machen müssen.
In der nächsten Viertelstunde lernen wir, dass Erde aktiv, torffrei, leicht oder extra-leicht sein kann und dass es unterschiedliche Erdsorten für Gärtnerblumen, Zimmerpflanzen, Grünpflanzen, Bonsai, Kakteen und Hortensien gibt. Erstaunlicherweise hat sogar jede Hortensienfarbe (rot-weiß oder blau) ihre eigene Erde. Fast packt es mich, und angesichts der Absurditäten, die auf den nächsten Paletten auf uns warten, als da wären Rhododendronerde, Buxbaumerde, Tomatenerde und Spezialerde für Knospenheide sowie – bitte ganz langsam und genüsslich lesen – Kübel- und Dachgartenpflanzenerde, will ich mir einen Sack Blaue-Hortensien-Erde schnappen, um darin, im Geiste ganz Rebellin, rote oder weiße Hortensien zu pflanzen. Ha! Dann fällt mir ein, dass Hortensien eher selten auf Balkonen wachsen. Na gut, dann nicht. Sowieso viel zu teuer. Obwohl, die „Spezialerde für fleischfressende Pflanzen – 3 l, 3,99 €“ auf dem nächsten Schild kann das noch toppen. Irre. Ich frage mich, was wohl jemand kauft, der von all diesen Pflanzen ein Exemplar im Garten hat. Erschöpft schleichen wir durch die vorletzte Reihe. Teicherde und Komposterde geben mir den Rest. Und da heißt es immer: „Wir haben nur eine Erde“. Schön wär’s! Müde blicke ich in die inzwischen vollkommen leeren Augen des wunderbaren Manns an meiner Seite: „Und nu?“ Mit letzter Kraft deutet er mit dem Kopf auf einen Stapel links vor mir. „Balkonblumenerde“ lese ich laut vor. Puh. Gerade noch einmal Glück gehabt. Wir packen den Sack Expertenerde auf unseren Wagen. Ich fühle mich erleichtert. Geradezu … geerdet.

Hinten links im Hirn

Manche Sätze bleiben einfach hängen. Ein Leben lang. Sie machen es sich in einer der der hinteren Hirnwindungen bequem, in einer von denen, an die man nicht so leicht rankommt, Sie wissen schon – hinten links, die zweite rechts, geradeaus über große Neuronenkreuzung, vorbei an Synapse Nr. 389.743 und dann die dritte schräg links rein. Oder so. Und dort lassen sie es sich dann gut gehen, diese kleine Sätze, sie baumeln mit den Beinen, stopfen sich mit Kuchen voll, und warten gezielt immer diesen einen Moment ab, den Resthirn und Restmensch geschlossen als absolut untauglich für diesen Zweck definieren, um auf sich aufmerksam zu machen. Mitten im schönsten Traum zum Beispiel. Oder im Vorstellungsgespräch. Dann fühlt es sich an, als würde einem jemand mit tausend Fahnen wedelnd einmal quer durch den Kopf brüllen. Mit einem Mal bin ich wieder 12 und höre meinen Sportlehrer vom Seitenrand rufen: „Gebt der Astrid doch auch mal den Ball!“ Auch rückblickend einer der Tiefpunkte meiner Schulsportkarriere (nun ja, Karriere … eher Misere, wenn wir ehrlich sind, aber das klingt ja ganz ähnlich). Wenig hilfreich, wenn man gerade einem potenziellen neuen Arbeitgeber gegenübersitzt, dem man etwas über seine Stärken erzählen soll. „Sport schon mal nicht.“

In dem Geheimfach hinten im Hirn verstecken sich aber auch ein paar lustige Zeitgenossen. Heute morgen beim Frühstück poppte einer von ihnen fast gleichzeitig mit dem Toast hoch. Da sah ich mich wieder im Berliner Späti* stehen: Es ist Sonntagnachmittag, im Rest der Republik sitzt man bei Kaffee und Kuchen, während ich nach den richtigen Nudeln fürs Abendessen suche und ein Mann den Laden betritt, bei dessen Anblick man jetzt nicht direkt an die Worte wach und frisch denken muss. Eher eine Art Out-of-bed-Look, nur ohne Styling-Absicht. Folgerichtig begrüßt der asiatische Verkäufer den offensichtlichen Stammgast mit einem fröhlichen „Hi, wie geht’s? Ah, bist du grad erst aufgestanden?“ Verwirrter Blick, der den Asiaten fixiert, und dann ein todernstes: „Nee, wieso?“ Der Rest ist ein unverständliches schamhaftes Murmeln, unterbrochen nur von meinen kläglichen Versuchen, das Lachen zu unterdrücken. Großartig. Manchmal ist es doch auch schön, wenn sich die anderen blamieren. Zumindest, wenn es mich noch Jahre später beim Frühstück zum Lachen bringt.
Schön finde ich auch, wenn mein Hirn mich für ein paar Minuten wieder in die Deutschstunde im Gymnasium katapultiert, in der ein paar Klassenkameraden mit dem Reclam-Heftchen in der Hand vor der Klasse Goethes Götz von Berlichingen vortragen sollten. Ich sehe allerdings nur denjenigen vor mir, der den Götz geben sollte, und der voller Inbrunst ansetzt, um selbstbewusst und laut auszurufen: „Ich bin Bötz von Gerlichingen …“ – weiter kam er nicht mehr. Dafür hatte er ab da einen neuen Spitznamen. Ach ja, der Bötz … Fast so schön, wie der SPD-Politiker Hans-Ulrich Klose, der in den Neunzigern in einer Rede im Bundestag aufgebracht brüllte: „Wir pfeifen nicht nach Ihrer Tanze!“ Er hatte sich sicher einen anderen Effekt von seinen Worten versprochen, dafür bleiben sie unvergessen.

Und da sind noch so so viele andere kleine Sätze, die sich im Laufe des Lebens auf der Hängematte des Hirns einfinden. Die haben hier unmöglich alle Platz. Nur einen noch. Keinen lustigen, keinen peinlichen. Einen schönen. Wir schreiben das Jahr 2001 und ich sitze in der Pariser Metro. Es ist Vormittag, gegen 11, und hinter mir sitzt ein Pärchen, das ziemlich offensichtlich nicht zu den Privilegierten der Gesellschaft gehört und sich mit vom Alkohol schweren Zungen miteinander unterhält. Sie ist unglücklich und fragt sich klagend, wo denn der Sinn an ihrem Leben sei. Er tröstet sie und sagt mehrmals nacheinander einen Satz, der mich in diesem Augenblick bezaubert, weil so viel Liebe, Erkenntnis und Alltagsweisheit darin liegt: „Il faut de tout pour faire un monde.“ Eine französische Redewendung, die in ihrer Schönheit eigentlich unübersetzbar ist. Versucht man es trotzdem, kommt etwas heraus wie: „Für eine vollkommene Welt braucht es etwas von allem.“ Und das meint, wie eine Quelle aus dem Internet** anschaulich ausführt: „Es braucht die Grossen und die Kleinen, die Intellektuellen und die Praktiker, Männer und Frauen, Stadt und Land, das Meer und die Berge, usw.„. Die Reichen und die Armen. Die ganze Vielfalt eben. Ein schöner Gedanke, finde ich. Der darf es sich gerne bequem machen, hinten links in meinem Hirn.

 

*Späti = Berliner Kiosk, das eigentlich immer offen hatte und praktisch alles verkaufte, was man zum Leben brauchte und dadurch vor allem nachts und Sonntags die Grundversorgung aller feierwütigen und einkaufsfaulen Partypeople deckte. Ob’s die noch gibt? Keine Ahnung.

**https://biodiversitevs.files.wordpress.com/2010/02/04_april_de.pdf

 

 

 

 

 

 

Wenn der Zollstock leise knarzt

Tagesseminare haben zwei entscheidende Vorteile: 1. Sie dauern nur einen Tag. 2. Wenn man nach acht Stunden nach Hause fährt, weiß man mehr als vorher. Grund genug, eine dieser wunderbaren Veranstaltungen zu buchen! In dieser positiven Stimmung begab ich mich letztes Jahr also eines schönen Tages ins herbstliche Frankfurt, um mich näher mit dem Thema „Übersetzen von Geschäftsberichten“ zu befassen. Und als ich abends nach Hause fuhr, wusste ich tatsächlich mehr als vorher: Nämlich, dass ich niemals im Leben Geschäftsberichte übersetzen werde. Obwohl, nein … eigentlich wusste ich das schon zehn Minuten nach Seminarbeginn. Also, im Grunde begannen meine Zweifel mit dem Austeilen des Hand-outs, aber ich war ja positiv gestimmt. Damit war es allerdings vorbei, als die erste Bilanz an die Leinwand geworfen wurde und die Ausführungen des Dozenten mit jedem Satz nur noch mehr Fragezeichen in meinem Kopf produzierten. Schlagartig wurde mir klar, dass Tagesseminare auch einen ganz entscheidenden Nachteil haben: Sie dauern einen ganzen (langen) Tag!

Die regen und interessierten Wortbeiträge der anderen Teilnehmer, die an Konsolidierungsrücklagen, Nominalwerten und Wechselbürgschaften im Gegensatz zu mir ganz offensichtlich nichts Befremdliches fanden, trösteten mich auch nicht gerade. Ganz offensichtlich war ich die einzige Wirtschaftsnull in diesem Raum. Damit war dann zumindest das Motto meines Tages gefunden: Bloß nicht auffallen!
Ich brauchte also etwas, worauf ich meine Konzentration lenken konnte. Wann immer ein englisch-deutsches Vokabelpaar oder Begriffserläuterungen jeglicher Art auftauchten, notierte ich, was das Zeug hielt. Alle paar Minuten war ich damit immerhin beschäftigt (über den Sinn der Beschäftigung hüllen wir an dieser Stelle lieber den Mantel des Schweigens – nur so viel: Ein halbes Jahr später löst die brav notierte Definition, dass ein Rechnungsabgrenzungsposten der Kostenanteil ist, der nach dem Bilanzstichtag noch anfällt, nichts als ein dickes, fettes HÄ?! in mir aus). Dazwischen bemühte ich mich nach Kräften, intelligent zu schauen und meine Verzweiflung zu verbergen. Zwei Kaffeepausen und eine Mittagspause waren angekündigt. Die restliche Zeit war … lang. Unterteilt wurde sie nur vom rhythmischen Klackern und leisen Quietschen des Zollstocks, den der Vortragende in Ermangelung eines Laserpointers von der Organisatorin in die Hand gedrückt bekommen hatte und nach anfänglich verdutztem Blick dann doch recht schnell adoptierte. Das antiquierte Messwerkzeug bot ja auch deutlich mehr Möglichkeiten als ein langweiliger Laserpointer. Das Auf- und Zuklappen ist zum einen eine zusätzliche Beschäftigung zum Nervositätsabbau, beschäftigt darüberhinaus gleich beide Hände und man kann sich je nach gewünschtem Präzisionsgrad der eigenen Ausführungen auch noch überlegen, wie weit man ausklappen (60, 80 und 100 cm Länge waren übrigens die Favoriten, falls es jemanden interessiert), soll heißen: wie genau man auf eine Stelle an der Leinwand zeigen will bzw. wie imposant der Kreis sein soll, den man beim Zeigen durch die Luft schwingen möchte.  Und wenn es nichts zu zeigen gibt, kann man den Zollstock mit beiden Händen fassen und zu einem variablen Winkel formen. Dabei knarzt er dann ganz leise. Es hatte wirklich etwas Befriedigendes. Geradezu etwas Meditatives.

Beim Mittagessen im Restaurant schlug ich mich übrigens tapfer, neben Smalltalk und Gesprächen über amerikanische Präsidenten und solche, die es werden wollen, half auch die erforderliche Konzentration, die das unfallfreie Essen einer asiatischen Suppe (also so einer mit viel Gedöns drin) im geschäftlichen Umfeld verlangt, meine Tarnung nicht auffliegen zu lassen.

Rückblickend betrachtet wäre das eigentlich ein guter Zeitpunkt gewesen, die Qualen abzukürzen und den restlichen Nachmittag sinnvoll, das heißt mit einem ausgedehnten Spaziergang am Main zu verbringen. Da ich aber voll und ganz damit beschäftigt war, meinem Motto treu zu bleiben (ein Ansinnen, das spätestens mit diesem Artikel sein Ende finden dürfte) und die Anzahl der Seminarteilnehmer nun wirklich reichlich überschaubar war, blieb ich. Ich notierte. Ich schaute intelligent. Ich konzentrierte mich auf das Quietschen des Zollstocks. Und überlegte, wie ich das Seminar genannt hätte. Vielleicht: „Konzentrationsübungen mit Konzernabschlüssen“. Oder: „Meditieren mit Mezzaninkapital“. Ach nein, viel besser: „Wenn der Zollstock leise knarzt“.

Lasst die Wortspiele beginnen

Hurra, es ist Fußball-EM! Für sprachaffine Menschen eine mindestens genauso aufregende Zeit wie für Fußballfans. Denn wann sieht – und hört! – man sonst schon eine solch geballte Masse Rasenballsport? Ob man sie verehrt oder verachtet, die Gottlobs und die Réthys dieser Welt servieren uns Wortwitzigen, uns, die wir Fußball als großes Ganzes wahrnehmen, deren Interesse weit über das Spiel hinausgehend auch fundamentale Faktoren wie Frisur, Trikot-Passform, Aussehen, Alter und Ausstrahlung der Spieler in ihrem vollen Ausmaß und ihrer wahren Bedeutung zu würdigen weiß, zuverlässig Abend für Abend neue sprachliche Leckerbissen, die uns wahlweise (freiwillig oder unfreiwillig) schmunzeln, aufstöhnen, die Hand an die Stirn klatschen oder auf den Schenkel klopfen lassen. Ein wahres Fest für unser Sprachzentrum.

Lauschen wir den Kommentatoren doch eine Minute. „Und da fährt der die Gräte aus“, empört sich der erste. „Jetzt müssen sie aber die Ärmel hochkrempeln… wenn das ginge, aber die Trikots haben ja kurze Ärmel … also, dann müssen sie jetzt aber die Beine unter die Arme nehmen.“ Aha. Der Experte in der Pause erzählt unterdessen von seinem neuen „Volleyballschläger“. Soso. Der nächste Kommentator scheint gedanklich noch dem Song zur WM 2010 nachzuhängen und berichtet, der Schweizer Nationalspieler „Shakira“ habe den Ball soeben an „Cher“ gepasst (bei genauerem Hinsehen entpuppten sich die beiden als Shaqiri und Schär). Das erinnert mich plötzlich an Argentinien, wo es einen Nationalspieler namens Di Maria gibt. „Di Maria hat den Ball“ … „Di Maria zieht vorbei“ … „Er gibt ab an Di Maria, Di Maria schießt…“ – Ach, was waren das herrliche Kommentare bei der letzten WM.

Alle, die wie ich Asterix lieben, kommen aber auch bei dieser EM voll auf ihre Kosten. Ich sage nur: Island. Erstens: Alle Spielernamen haben dieselbe Endung. Zweitens: Ein Stürmer, der Sigthorsson heißt. Drittens: Ein Torwart, der Halldorsson heißt. Ist das zu fassen? Nein! Das ist Island! Also bitte, da kann man doch gar nicht anders. Die Twitter-Gemeinde überschlägt sich vor Eifer bei der Suche nach dem originellsten, lustigsten, intelligentesten, plattesten – nun, oder auch einfach überhaupt nach einem Wortspiel. „Ausgleichsson“ wird nach der portugiesischen Führung gefordert, „Kontertorson“ gar. Und natürlich ein plötzlich heiß ersehntes Siegtor für Island durch Sigthorsson. Bis zu diesem einen Moment, in dem der Coach grausam alle Hoffnungen zerstört und den Stürmer mit dem vielversprechenden Namen einfach auswechselt. (Natürlich fiel dann auch kein Siegtor mehr. War ja klar.) Und die Zeitungen titeln „Sensationsson“ und „Überraschungsson“.

Besser geht’s nicht. Außer vielleicht am nächsten Spieltag. Denn: Das nächste Wortspiel kommt bestimmt!

Seltsam

Hierzulande ist manches seltsam. Das Wetter, das Verhalten von Politikern oder dass man immer an der falschen Kasse ansteht. Und manchmal auch unsere Sprache. Ein verwundertes Kopfkratzen lösen bei mir zum Beispiel oft Ortsnamen aus. Ortsnamen wie Weiterstadt oder Neindorf. Da fragt man sich ja schon, wie diese Namen entstanden sind. Wie schrecklich muss ein Landstrich sein, dass man ihn Hassloch nennt? Und gibt es wirklich geile Kirchen in Geilenkirchen?
Im Vergleich dazu wirft der Name der Stadt, in der ich aufgewachsen bin – Leverkusen – wenige Fragen auf und ist geradezu langweilig normal. Zu lang dafür, zu unmelodisch, unansehnlich irgendwie und wenig attraktiv, was Klang und Reimfähigkeit betrifft (genauer betrachtet also eine absolut treffende Benennung), aber seltsam ist an dieser Stadt nicht der Name. Seltsam ist der Geschmack seiner Einwohner. Und damit meine ich ausnahmsweise nicht das, nun, sagen wir, eigenwillige Stadtbild. Damit meine ich die seltsame Vorliebe der Leverkusener für Wortspiele (ein Paradies für Friseure, könnte man sagen). Als vor vielen, vielen Monden der Komplettumbau eines städtischen Schwimmbads anstand, wurden die Bürger gebeten, Namensvorschläge für das neue Nassparadies einzureichen. Tja, seitdem heißt das Bad CaLEVornia. Ich kommentiere das lieber nicht weiter. Und nein, das war kein einmaliger Ausrutscher. Jahre später wurde eine neu mit Geschäften und Cafés gestaltete Brücke in der Innenstadt Rialto BouLEVard getauft. Bleibt nur zu hoffen, dass damit das Potenzial für ähnlich kreative Ergüsse mit dem Kürzel LEV erschöpft ist.

Es geht aber noch viel seltsamer. Das Seltsamste, das ich in meinem Leben bisher je gehört habe, war ein Satz, den eine Frau in einem kleinen Drogeriemarkt irgendwo in den Weiten Berlins von der anderen Kasse in meine Richtung herüberrief. „Ich sammle tote Ameisen!“, rief sie. Ah ja. Ich weiß noch, wie ich auf das soeben gekaufte Ameisengift in meiner Hand hinabblickte, und wie sie dann, herübereilend, in einer vollkommen unnötigen Ausführlichkeit erläuterte, dass sie Schmuck aus toten Ameisen herstelle. Und fragte, ob ich ihr nicht welche schicken könne. „Klar“, sagte ich. Habe ich dann aber doch nicht gemacht. Ganz ehrlich, das war mir einfach doch zu …. seltsam.