Ganz schön viel Lametta

Sonntag, der dritte Advent. Wir befinden uns im Wohnzimmer einer gewissen Übersetzerin und eines gewissen wunderbaren Mannes, der an ihrer Seite lebt. Der nigelnagelneue Christbaumständer „Comfort S“ steht endlich am richtigen Platz und umklammert so fest er eben kann die am Vortag erstandene und im richtigen Licht eigentlich kaum noch asymmetrische Tanne der weihnachtlichen Begierde. Eine hübsche in heimeligem Gelbweiß strahlende Lichterkette umrankt das Bäumchen und sorgt für gemütliche Grundstimmung. Davor eine offene Kiste mit roten Christbaumkugeln und roten und goldenen Holzengelchen zur Verzierung des nadeligen Grüngewächses.

Auftritt Übersetzerin, gefolgt vom wunderbaren Mann an ihrer Seite.
„Schluss mit Früher war mehr Lametta! Jetzt wird endlich wieder geglitzert.“ Selig lächelt sie die silbernen Fäden in ihren Händen an und reißt die Packung auf. Er seufzt. Sie greift beherzt zu, positioniert sich frontal vor dem Baum und – ja, und nun? Das letzte Lametta liegt Jahrzehnte zurück. Schwungvoll hängt sie ein gutes Bündel des Glitzerguts probeweise über einen Zweig. Ähm, nein. Der Gatte gluckst ungläubig. Zweiter Versuch. Neuer Zweig, weniger Fäden, selbe miserable Wurf-Hänge-Technik. Oh Gott. Hat es am Ende doch einen Grund, dass heute weniger Lametta ist? Der Gatte gluckst wieder und entreißt ihr den silbrigen Zierrat. „Da muss wohl mal ein Christbaumschmückprofi ran.“ – „Bist du jetzt etwa Lametta-Experte, oder was?“ Und, so erstaunlich das ist, innerhalb von Sekunden ist klar: Ja, ist er. Oder, in seinen eigenen Worten: Lametta-Künstler.

Verlassen wir nun besagtes Wohnzimmer und begeben uns in den Kopf der gewissen Übersetzerin, die dem wunderbaren lamettabegabten Mann an ihrer Seite inzwischen nur noch bewundernd bei der Arbeit zusieht.
Lametta … woher kommt das eigentlich? Gleich mal soocheln. Klar, aus dem Italienischen, dachte ich mir. Die Verkleinerung von „lama“, das heißt „Metallblatt“. Aha, und hier steht ja auch, dass die Italiener angeblich die ersten waren, die auf die Idee kamen, Weihnachtsbäume damit zu schmücken. Gut, wäre das schon mal geklärt.
Hihi, in mehreren Wörterbüchern wird das italienische „Lametta“ nur mit „Rasierklinge“ wiedergegeben. Heißt das auf Italienisch inzwischen etwa ganz anders? Orpello, capelli d’angelo, Lametta – wer weiß das schon, das Internet auf jeden Fall nicht so richtig. Hätte ich Italienisch im Studium bloß mal länger durchgezogen. Ah, ein Eintrag vom großen Versandhändler. Was ist das denn?? Hahahahahaha … hahahaha …

An dieser Stelle steigen wir mal lieber wieder aus dem Kopf der Übersetzerin aus, bei diesen Lachbeben rüttelt und schüttelt es immer so. Und wenden uns stattdessen dem Grund des Heiterkeitsausbruchs zu, einem zunächst viel belächelten, von manchen heute groß gefürchteten, oft heiß diskutierten und heiklen Thema: der maschinellen Übersetzung.
Der Konzern mit der großen Suchmaschine versucht sich da ja schon länger drin. Gibt man dort zum Beispiel ein: „Früher war mehr Lametta“, dann kommt auf Italienisch: „Prima c’era più tinsel“ heraus. Zwar sehr wörtlich übersetzt, könnte (soweit meine kümmerlichen 3 Semester Italienisch mich das beurteilen lassen) bis auf das letzte Wort aber hinkommen. „Tinsel“ klingt aber nicht italienisch, finden Sie? Völlig richtig, denn das ist das englische Wort für Lametta. Wenn man nicht weiterweiß, einfach englisch sprechen. Tse. Typisch Ami.

Seit einiger Zeit gibt es übrigens eine andere Maschine, die das alles etwas besser kann, die Satzbau und auch Metaphern öfter mal erkennt und ständig dazulernt.* Vor der haben manche Übersetzer jetzt Angst. Ich eher nicht, weil ich keiner Maschine, auch keiner künstlichen Intelligenz, die Kreativität zutraue, mit Sprache und Worten so zu spielen, wie wir Menschen das können.

Aber zurück zum Thema: Lametta. Lustig. Es ist so: Ein britischer Anbieter bietet beim großen Internet-Versandhändler Lametta zum Verkauf an. Klickt man dort auf die Infos zum Artikel findet man die folgenden schlagenden Verkaufsargumente:

– „Schlank Dekoration auch bekannt als Capelli d’Angelo oder Rasierklinge“ (Aua!!!)
– „Ideal für Baum Dressing oder Haus Verarbeitung in der gesamten the Year“ (Yeah!)

Sowas bringt die gemeine Übersetzerin unter uns schon mal zum Lachen. Und wenn sie damit fertig ist, applaudiert sie dem wunderbaren Künstler an ihrer Seite pflichtschuldigst lächelnd und bei sich denkend: Also so viel mehr Lametta kann das früher nicht gewesen sein.

 

 

*Wen es interessiert: Die neue Supermaschine bietet für „Früher war mehr Lametta“ gleich drei Möglichkeiten an, unter anderem „Ci sono stati più orpelli“ (Es gab einmal mehr Lametta) und „C’era un tempo più orpello“ (Es war einmal mehr Lametta). „Orpello“ findet man in so manchem Wörterbuch für Lametta. Vorausgesetzt, das stimmt (ich als Übersetzerin traue ja keinem Wörterbuch), ist recht bemerkenswert, dass „Lametta“ hier einmal als Substantiv und einmal als Adjektiv erkannt wurde, und nicht wörtlich am Ausgangstext geklebt wurde. Nicht mal so schlecht (zumindest aus der Sicht von jemandem, der nur 3 Semester Italienisch hatte). Immerhin intelligenter als beim großen G.

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Wenn der Zollstock leise knarzt

Tagesseminare haben zwei entscheidende Vorteile: 1. Sie dauern nur einen Tag. 2. Wenn man nach acht Stunden nach Hause fährt, weiß man mehr als vorher. Grund genug, eine dieser wunderbaren Veranstaltungen zu buchen! In dieser positiven Stimmung begab ich mich letztes Jahr also eines schönen Tages ins herbstliche Frankfurt, um mich näher mit dem Thema „Übersetzen von Geschäftsberichten“ zu befassen. Und als ich abends nach Hause fuhr, wusste ich tatsächlich mehr als vorher: Nämlich, dass ich niemals im Leben Geschäftsberichte übersetzen werde. Obwohl, nein … eigentlich wusste ich das schon zehn Minuten nach Seminarbeginn. Also, im Grunde begannen meine Zweifel mit dem Austeilen des Hand-outs, aber ich war ja positiv gestimmt. Damit war es allerdings vorbei, als die erste Bilanz an die Leinwand geworfen wurde und die Ausführungen des Dozenten mit jedem Satz nur noch mehr Fragezeichen in meinem Kopf produzierten. Schlagartig wurde mir klar, dass Tagesseminare auch einen ganz entscheidenden Nachteil haben: Sie dauern einen ganzen (langen) Tag!

Die regen und interessierten Wortbeiträge der anderen Teilnehmer, die an Konsolidierungsrücklagen, Nominalwerten und Wechselbürgschaften im Gegensatz zu mir ganz offensichtlich nichts Befremdliches fanden, trösteten mich auch nicht gerade. Ganz offensichtlich war ich die einzige Wirtschaftsnull in diesem Raum. Damit war dann zumindest das Motto meines Tages gefunden: Bloß nicht auffallen!
Ich brauchte also etwas, worauf ich meine Konzentration lenken konnte. Wann immer ein englisch-deutsches Vokabelpaar oder Begriffserläuterungen jeglicher Art auftauchten, notierte ich, was das Zeug hielt. Alle paar Minuten war ich damit immerhin beschäftigt (über den Sinn der Beschäftigung hüllen wir an dieser Stelle lieber den Mantel des Schweigens – nur so viel: Ein halbes Jahr später löst die brav notierte Definition, dass ein Rechnungsabgrenzungsposten der Kostenanteil ist, der nach dem Bilanzstichtag noch anfällt, nichts als ein dickes, fettes HÄ?! in mir aus). Dazwischen bemühte ich mich nach Kräften, intelligent zu schauen und meine Verzweiflung zu verbergen. Zwei Kaffeepausen und eine Mittagspause waren angekündigt. Die restliche Zeit war … lang. Unterteilt wurde sie nur vom rhythmischen Klackern und leisen Quietschen des Zollstocks, den der Vortragende in Ermangelung eines Laserpointers von der Organisatorin in die Hand gedrückt bekommen hatte und nach anfänglich verdutztem Blick dann doch recht schnell adoptierte. Das antiquierte Messwerkzeug bot ja auch deutlich mehr Möglichkeiten als ein langweiliger Laserpointer. Das Auf- und Zuklappen ist zum einen eine zusätzliche Beschäftigung zum Nervositätsabbau, beschäftigt darüberhinaus gleich beide Hände und man kann sich je nach gewünschtem Präzisionsgrad der eigenen Ausführungen auch noch überlegen, wie weit man ausklappen (60, 80 und 100 cm Länge waren übrigens die Favoriten, falls es jemanden interessiert), soll heißen: wie genau man auf eine Stelle an der Leinwand zeigen will bzw. wie imposant der Kreis sein soll, den man beim Zeigen durch die Luft schwingen möchte.  Und wenn es nichts zu zeigen gibt, kann man den Zollstock mit beiden Händen fassen und zu einem variablen Winkel formen. Dabei knarzt er dann ganz leise. Es hatte wirklich etwas Befriedigendes. Geradezu etwas Meditatives.

Beim Mittagessen im Restaurant schlug ich mich übrigens tapfer, neben Smalltalk und Gesprächen über amerikanische Präsidenten und solche, die es werden wollen, half auch die erforderliche Konzentration, die das unfallfreie Essen einer asiatischen Suppe (also so einer mit viel Gedöns drin) im geschäftlichen Umfeld verlangt, meine Tarnung nicht auffliegen zu lassen.

Rückblickend betrachtet wäre das eigentlich ein guter Zeitpunkt gewesen, die Qualen abzukürzen und den restlichen Nachmittag sinnvoll, das heißt mit einem ausgedehnten Spaziergang am Main zu verbringen. Da ich aber voll und ganz damit beschäftigt war, meinem Motto treu zu bleiben (ein Ansinnen, das spätestens mit diesem Artikel sein Ende finden dürfte) und die Anzahl der Seminarteilnehmer nun wirklich reichlich überschaubar war, blieb ich. Ich notierte. Ich schaute intelligent. Ich konzentrierte mich auf das Quietschen des Zollstocks. Und überlegte, wie ich das Seminar genannt hätte. Vielleicht: „Konzentrationsübungen mit Konzernabschlüssen“. Oder: „Meditieren mit Mezzaninkapital“. Ach nein, viel besser: „Wenn der Zollstock leise knarzt“.

Tausendsassa Übersetzer

Die Berufsbezeichnung „Übersetzer“ ist nicht geschützt. Es gibt zwar einen Studiengang mit entsprechendem Abschluss (früher Diplom, heute Bachelor/Master), aber im Grunde darf sich jeder, der es möchte, Übersetzer nennen. (Was unter anderem die Unmengen an katastrophalen bis unverständlichen Bedienungsanleitungen erklärt, die wir alle kennen und schon verflucht haben.) Wer es nicht besser weiß, könnte daraus jetzt schließen, dass Übersetzen eben nicht so schwierig sein kann und praktisch jeder, der zwei Sprachen spricht, auch übersetzen kann. Genau diese Einstellung führt wiederum zu selbsterklärten Übersetzern, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben und die oben erwähnten Bedienungsanleitungen produzieren… Denn in Wirklichkeit ist das ganz ganz anders. Wir Übersetzer sind nämlich wahre Tausendsassas, unser Beruf ist so komplex und vielseitig, dass bei genauem Hinsehen, wie in einer russischen Matroschka, viele, viele weitere Berufe zum Vorschein kommen.

1. Wir sind Aufklärer.
Viele Kunden, die eine Übersetzung brauchen, haben – woher auch? – keine Ahnung, wie lange eine Übersetzung dauert, wie viel sie kostet, welches Textformat der Übersetzer braucht und dass er Aufträge im seltensten Fall zusagen kann, ohne den konkreten Text gesehen zu haben, dass es für jede Textart spezialisierte Fachübersetzer gibt oder dass Referenzen und Glossare aus dem eigenen Unternehmen sich erheblich (und zwar positiv) auf die Qualität der Übersetzung auswirken. Nach einem Telefonat mit uns wissen sie das alles.

2. Wir sind Hellseher.
Nicht alle Texte, die man als Übersetzer bekommt, sind gut geschrieben, oft enthalten sie sogar Fehler. Solange Textverständnis und -sinn davon nicht beeinträchtigt werden, ist das kein Problem – aber was, wenn doch? Auf eine Rückfrage beim Kunden bekommt man schon einmal die Antwort: „wissen wir auch nicht, schreiben Sie, wie Sie denken“. Das ist der Zeitpunkt, zu dem wir Übersetzer unsere Kristallkugel aus der untersten Schreibtischschublade hervorkramen…

3. Wir sind Detektive.
Gerade als (z. B. technischer) Fachübersetzer stößt man immer wieder auf Fachbegriffe, die man zwar versteht, deren deutsche Entsprechung man aber (noch) nicht kennt. Das weckt den Spürsinn – die Suche geht los. Man schlägt in Fachwörterbüchern nach (heute in der Regel digital), durchsucht Glossare, die man gesammelt oder online gefunden hat, gräbt das Internet nach Dokumenten um, in denen genau dieser Begriff verwendet wird und fragt bei Kollegen oder Fachleuten aus dem jeweiligen Gebiet nach. Wahre Detektivarbeit!

4. Wir sind Redakteure und Schriftsteller.
Wir arbeiten zwar nach Vorlage, doch trotzdem unterschätzen die meisten die kreative Leistung, die zum Übersetzen notwendig ist. Einen Text Wort für Wort zu übersetzen  – das führt zu schlecht lesbaren, oft sogar unverständlichen Texten. Maschinen können nicht denken, nicht kreativ sein, haben keine Ansprüche – wir Menschen schon. Und deshalb kostet das Übersetzen uns Mühe: Wir formulieren sorgfältig und frei einen neuen Text, der den Sinn des Originals wiedergibt und dabei so klingt, als wäre er selber eines. Das gilt ganz besonders für Literaturübersetzer.

5. Wir sind Zauberer.
Manche Ausgangstexte sind nicht nur schlecht, sondern sehr schlecht geschrieben. Von uns Übersetzern wird aber erwartet, dass unser Text gut lesbar, gut verständlich und exzellent geschrieben ist. Gut, dass in der Schublade neben der Kristallkugel der Zauberstab liegt. Abra kadabra – und aus sch…lechten Texten wird Gold.

6. Wir sind Layouter.
Wer wie ich aus dem Englischen übersetzt, kennt das Problem – deutsche Texte sind immer länger. Das führt vor allem bei PowerPoint-Folien zu dem Problem, dass die Übersetzung oft aus den Textfeldern „herausrutscht“. Da heißt es dann Formulierungen kürzen oder Textfeld- bzw. Schriftgrößen ändern, bis es passt. „Schön“ ist auch, wenn man nicht editierbare PDF-Dateien übersetzen muss und alle Formatierungen, Briefköpfe, Tabellen, Gliederungen etc. sozusagen nachbasteln darf.

7. Wir sind Lektoren.
Als Übersetzer ist man häufig auch mit Korrekturlesen beschäftigt. Zum einen liest man seine eigenen Übersetzungen nochmals Korrektur, bevor sie zum Kunden herausgehen, zum anderen erhält man auch oft den Auftrag, die Übersetzung eines Kollegen zu überprüfen. Da heißt es dann: Inhalt auf korrekten Sinn und Vollständigkeit abgleichen, Rechtschreibung/Interpunktion prüfen, aber auch, den Text auf stilistische Feinheiten (Lesbarkeit, Ansprache des richtigen Zielpublikums, Idiomatik etc.) abzuklopfen.

8. Wir sind Software-Experten.
Man glaubt ja gar nicht, wie viele Möglichkeiten es gibt, Texte zu bearbeiten. Ja, manchmal tippen wir unseren Text auch in das gute alte Word-Dokument. Doch manche Übersetzer tippen schon gar nicht mehr, sondern diktieren  – die Software Dragon Naturally Speaking macht es möglich. Andere arbeiten mit sogenannten CAT-Tools (das sind nicht nur die von Übersetzern gerne gehaltenen Katzen, die gerne über die Tastatur schleichen, sondern im Sinne der Computer Aided Translation spezielle Übersetzungsumgebungen). Davon gibt es ziemlich viele, manche Kunden haben sogar ihre eigenen. Sich schnell einarbeiten zu können, wird vorausgesetzt.

9. Wir sind Jongleure.
Es ist erstaunlich, wie viele Kunden vor Weihnachten plötzlich Texte finden, die übersetzt werden müssen. Was dazu führt, dass im Dezember praktisch alle Übersetzer überlastet sind. Wir jonglieren mit den Lieferterminen, quetschen für unsere Lieblingskunden immer noch mal ein paar Aufträge dazwischen, verzichten auf Schlaf, um alles fertigzubekommen, wünschen uns eine dritte Hand, um schneller tippen zu können und holen frühstens an den Feiertagen wieder Luft.

10. Wir sind unsere eigene Marketingabteilung.
Als Freiberufler müssen wir nicht nur Aufträge akquirieren und erstklassige Leistungen abliefern, sondern auch immer wieder die Werbetrommel für uns selbst rühren. Zum Beispiel, indem wir Blogartikel darüber schreiben, wie großartig wir sind… Quod eram demonstrandum.

Rezept für eine gute Übersetzung

Man nehme:

– Einen Ausgangstext in einer Fremdsprache, die man exzellent beherrscht
– Ruhe und Konzentration
– Kreativität
– Formulierungsgeschick in der eigenen Muttersprache
– Spürsinn und eine große Portion Sprachgefühl

1. Lesen Sie den Ausgangstext gründlich durch. Sollte es sich um einen sehr langen Text handeln (> 50 Seiten), können Sie querlesen, aber es ist wichtig, dass Sie den gesamten Text durchgehen und auf seinen Aufbau und die Thematik prüfen. Wenn Sie den Text nicht verstehen sollten (weil er z. B. zu fachspezifisch ist – Verträge erfordern oft juristisches Hintergrundwissen, und die Softwarebefehle einer Anlage zur Steuerung eines Atomkraftwerks sind auch nicht unbedingt Allgemeinwissen), zeigen Sie Mut zur Lücke: Lassen Sie die Übersetzung sein und machen Sie sich lieber einen schönen Tag. Glauben Sie mir, das ist für alle Beteiligten das Beste!

2. Gehen Sie zurück zum ersten Abschnitt (Überschriften können Sie beiseite lassen, die übersetzt man am besten zum Schluss), lesen Sie diesen genau und übersetzen Sie. Achten Sie darauf, den Sinn des Ausgangstexts wiederzugeben, ohne wörtlich zu übersetzen. Die Übersetzung sollte gut lesbar und verständlich sein – und so klingen, als wäre sie ein Original. Formulieren Sie also frei und lassen Sie sich nicht von den fremdsprachlichen Satzstrukturen einengen.

3. Übersetzen Sie auf diese Weise nach und nach den gesamten Text. Stellen im Ausgangstext, die Verständnisprobleme bereiten, mit Hilfe von geeigneten Wörterbüchern und Referenzquellen (Website des Kunden bzw. von Wettbewerbern und ähnliche Dokumente zum Thema, diese lassen sich gut ergoogeln) klären – im Zweifel beim Kunden rückfragen. Achten Sie darauf, je nach Themengebiet die korrekten Fachbegriffe in Ihrer Zielsprache zu verwenden. Sichern Sie sich immer durch entsprechende Quellen ab. Raten ist keine Option.

4. Nehmen Sie sich zuletzt die Überschriften vor. Wählen Sie passende Überschriften für Ihren Zieltext, dabei können Sie sich von der Formulierung im Ausgangstext ruhig entfernen.

5. Lassen Sie den Text mehrere Stunden ruhen, am besten über Nacht. Beschäftigen Sie sich in dieser Zeit möglichst mit anderen Dingen, gönnen Sie Ihren Synapsen Entspannung. Lesen Sie am nächsten Morgen bzw. nach der Pause Ihre gesamte Übersetzung noch einmal durch und prüfen Sie sie auf Tipp-/Rechtschreib-/Interpunktions-/Formulierungsfehler. Optimieren Sie, wenn nötig und möglich. Lesen Sie Ihren Text ein zweites Mal durch und gleichen Sie ihn Satz für Satz gegen das Original ab, um Sinnfehler auszuschließen. Man glaubt gar nicht, wie unauffällig sich so manches „nicht“ im Ausgangstext verstecken und mal eben den gesamten Sinn des Satzes ins Gegenteil verkehren kann.

Voilà – fertig ist die gute Übersetzung. War doch ein Klacks, oder?

Ach du liebe… Suchmaschine!

„Ich hab’s versucht,
ich komme ohne dich nicht aus.
Wozu auch
Du gefällst mir ja.
Kein Mensch hört mir so gut zu wie du.
Und Google
Du lachst mich auch nie aus!“

Frei nach Marius-Müller Westernhagen, der mit diesen Worten 1978 eine Whiskeysorte besang. Für Whiskey habe ich nicht viel übrig, aber die Art der Abhängigkeit kenne ich – in meinem Fall allerdings von der großen Such(t)maschine, die wir alle kennen. In meinem Beruf ist ein Leben offline heute nicht mehr denkbar. Als Übersetzer verbringt man praktisch seine gesamte Zeit vor dem Bildschirm. Neben meinem zu übersetzenden Text und etwa zehn weiteren Browsertabs, in denen ich parallel Wörterbücher, Online-Glossare etc. geöffnet habe (zusammen mit Online-Zeitungen und anderen Zeitvertreibsseiten für die kleine Pause zwischendurch können da schon einmal zwanzig bis dreißig offene Tabs zusammenkommen – worüber der wunderbare Mann an meiner Seite nur noch den Kopf schütteln kann), neben also all diesem ist mein erster (zugegeben, nicht immer mein wichtigster oder bester, aber immerhin mein erster) Ansprechpartner, um Verständnisfragen zum Text zu klären oder den richtigen Fachausdruck in der Zielsprache zu finden: google.

Ob zur normalen Arbeitszeit oder bei einer immer mal wieder eingelegten Nachtschicht, die Suchmaschine ist immer für mich da. Und meistens verstehen wir uns auch wirklich gut. Zumindest solange ich meine Suchbegriffe in Anführungszeichen setze und Störenfriede (wie gewisse chinesische Händlerplattformen zum Beispiel) mit einem Minuszeichen verbanne. Manchmal streiten wir aber auch. Da wirft mir die Suchmaschine vor, ich würde mich nicht genug an der Masse orientieren und fragt mich: „Meinten Sie (angeblich sinnvollere Suchbegriffe)„? Leider meine ich fast immer, was ich sage und tue dies mit einem energischen Klick auf meine ursprünglichen Suchbegriffe kund. Dafür rächt die Suchmaschine sich dann wohl, wenn sie mich von Zeit zu Zeit ermahnt, maßvoller und langsamer zu sein (ob sie Buddhistin ist?). Denn wenn ich mehrere Fachausdrücke ganz schnell hintereinander in verschiedensten Varianten probiere, denkt sie wohl, dass sei unmenschlich und bremst mich mit einem Fenster, in dem ich einen Captcha-Code bestätigen muss. Da stellt sie meine Geduld regelmäßig auf die Probe. Und irgendwie bekommt sie immer ihren Willen. Die kleine Zicke.

Nanu? Wieso kann ich meine Website plötzlich nicht mehr googeln??

Der kleine Lektor in meinem Kopf

Erinnern Sie sich noch an den kleinen Übersetzer in meinem Kopf? Ich habe ja schon angedeutet, dass er nicht alleine lebt. Er teilt sich den Platz mit einem gewissen kleinen Lektor. Leider ist dieser kleine Lektor ein ziemlich anstrengender Mitbewohner – er ist laut, manchmal sogar sehr laut, nervt permanent und ignoriert die Tatsache, dass er klein ist, geflissentlich. Und Miete zahlt er auch nicht. Auf dem Frankfurter Wohnungsmarkt hätte er nicht die geringste Chance. Aber er wohnt ja in meinem Kopf – gut für ihn. Schlecht für mich. Denn wenn der kleine Lektor das Ruder übernimmt, macht er aus mir einen Sprachtaliban. Einen Grammatiknazi. Den Pingel vom Dienst. Die Person, die in Ungarn die „deutsche“ Version der Speisekarte liest (ja, die Anführungszeichen sind in dem Fall wirklich gerechtfertigt) und als einzige lachend unter dem Tisch liegt, als der Kellner die Bestellung aufnehmen will. Nicht falsch verstehen – ich hatte Spaß, aber meiner Schwiegerfamilie, die mit mir am Tisch saß, war das ziemlich peinlich. Sprachbanausen – die haben wohl alle keinen kleinen Lektor. Zumindest hat meiner Humor.

Zuhause mache ich mich, äh, macht der kleine Lektor mich übrigens ständig unbeliebt. Denn selbst mitten im leidenschaftlichsten Streit höre ich mich plötzlich sagen: „dem, es heißt dem, nicht den. Dativ!!“ Der ansonsten wirklich immer ganz wunderbare Mann an meiner Seite starrt mich verzweifelt an: „Jetzt hör mir doch mal zu!“ Tue ich ja. Leider ein bisschen zu gut.

Apropos Speisekarten – die sind für den kleinen Lektor wirklich ein Hauptnahrungsmittel. Denn ich habe auch in Deutschland noch nie eine fehlerfreie Speisekarte gesehen.  Noch nie! Auch in deutschen Restaurants nicht. Selbst wenn die Karte auf alle anderen einen guten Eindruck macht, entdecke ich den Tippfehler. Den Grammatikfehler. Den falschen Zeilenumbruch. Soweit, so gut. Das wirklich Schlimme daran ist aber, dass der kleine Lektor, dieser Terrorist, mich jedes Mal zwingt, alle anderen am Tisch auch darauf hinzuweisen. „Haha, habt Ihr den Fehler gesehen?“ – „Welchen Fehler?“ – „Na, der lustige Tippfehler bei der Suppe. Da steht Zucchini Suppe, statt Zucchinisuppe. Sogar der Bindestrich fehlt. Hahaha.“ – Betretenes Schweigen. Hm. Man muss wohl in meinem Kopf wohnen, um das lustig zu finden.

 

 

Der kleine Übersetzer in meinem Kopf

Seit ich übersetze, habe ich ein Problem, wenn ich fernsehe. Gut, zuviel TV ist ohnehin ungesund, aber es gibt durchaus Filme, Serien und Reportagen, die ich mit großem Genuss schaue. Wenn da nicht… ja, wenn da nicht dieses kleine, übereifrige und unermüdliche Geschöpf in einer Ecke meines Gehirns säße, das meint, es müsste alles, aber auch wirklich alles (rück)übersetzen, was ich höre (einzige Ausnahme: wenn ich müde bin – dann schläft es wohl). Wenn Sheldon in Big Bang Theory sagt „Dieser Stuhl ist ideal gelegen.“, rattert es in meinem Hirn nur: „This chair is ideally positioned. Oder heißt es: This chair has the ideal position. Oder vielleicht: This chair has the perfect position...“ Bei jedem Dialog drehen sich meine Gedanken nur noch um die eine Frage: wir hieß das wohl im englischen Original? Dabei übersetze ich in meinem Berufsalltag nicht einmal ins Englische!

Noch absurder ist allerdings, dass mir das auch bei deutschen Sendungen passiert. Dann erwische ich mich schon mal dabei, wie ich nach der schönsten englischen Formulierung suche, bevor mir dann auffällt – ist doch schon das Original!

Eins weiß ich – ich bin mit diesem Problem nicht ganz allein. Diese Sucht nach dem Originaltext kennen viele Übersetzer. Nur, woran liegt das? Misstrauen wir unseren Kollegen dermaßen, dass wir überall Fehler vermuten und deshalb nachprüfen wollen, ob das alles so stimmen kann? Nein! Ich für mich kann das ausschließen, da mein kleiner Kopfübersetzer auch aktiv ist, wenn ich die deutsche Version einer Serie ausgesprochen gelungen finde. Er will wohl einfach meine englischen Sprachkenntnisse auf die Probe stellen. Und zeigt mir immer wieder aufs Neue, dass mein Beruf eben auch meine Berufung ist – selbst wenn ich nicht will, ich muss einfach übersetzen.

Übrigens wohnt der kleine Übersetzer in meinem Kopf nicht alleine, sondern in einer WG mit dem kleinen Lektor. Wie der mein Umfeld terrorisiert, davon berichte ich aber ein andermal…