Sie haben Post.

Ach, war das nicht schön, damals …? In der guten alten Zeit, als man den Computer hochfuhr, bis zum Erscheinen des Desktops noch locker Zeit hatte, sich einen, zwei oder drei Kaffee zu machen, dann vor den Bildschirm zurückkehrte, auf das AOL-Icon klickte, sich wieder in die Küche begab und ein üppiges Frühstück verzehrte, während sich der Rechner nun mit einer lustigen Tonfolge langsam, gaaaanz langsam, in das Internet einwählte, das Postfach öffnete und eine weibliche Stimme schließlich optimistisch, mit einem Hauch von Stolz verkündete: Sie haben Post.

Ein Satz, der Vorfreude weckte. Der Überraschungen, Geheimnisse, aufregende Neuigkeiten verhieß. Wer mochte wohl geschrieben haben? Ich habe Post! Jemand hat mir geschrieben! Juchhu!

Manchmal denke ich wehmütig an diese Zeit zurück. Auch wenn ich – vor allem mit technischen Geräten – im Grunde wenig, na gut, seien wir ehrlich, eher überhaupt keine Geduld habe und es durchaus schätze, erst zu frühstücken und danach den Computer einzuschalten, um ganz ohne Wartezeit auf Desktop, Internetverbindung und Postfach zuzugreifen, ‚mal eben schnell‘ meine E-Mails zu checken, und, wenn wir schon bei der Ehrlichkeit sind, eigentlich auch erwarte, dass in einem Zeitalter, in dem Marsreisen geplant und ernsthaft an selbstfahrenden und sogar fliegenden Autos gearbeitet wird, ein Computer gefälligst auf Knopfdruck zu funktionieren und das Internet mir bitte schön immer überall ständig zur Verfügung zu stehen hat. Aber selbst angesichts all dessen denke ich manchmal nostalgisch zurück. Sie haben Post. Ja, alles war langsamer damals. So langsam, dass ich es heute nicht mehr aushalten würde. Aber es war persönlicher. Heute ist mein Postfach still, wenn ich es öffne. Es begrüßt mich nicht mehr. Das ist traurig. Darüber kann mich nicht einmal der lustige Eingangston (das Geräusch eines durch die Luft sirrenden und einschlagenden Pfeils, gefolgt von einem schnarrenden englischen „Message for you, sir“), den ich für das Ankommen neuer E-Mails eingestellt habe, hinwegtrösten. Ich hätte auch die AOL-Stimme von damals einstellen können, aber es ist einfach nicht mehr dasselbe. Denn ansonsten begnügt sich mein Postfach ja damit, mir alle ungelesenen Nachrichten in schnödem Fettdruck anzuzeigen. Direkt, einfach so. Ohne Vorwarnung. Ohne Pop-up-Fenster mit kleinem Briefumschlag, der Spannung weckt. Da kann doch gar keine Stimmung aufkommen. Gelangweilt, aber geübt klicke ich also jeden Morgen die erschreckend vielen Newsletter in den virtuellen Papierkorb, während ich noch denke, ich sollte mir eigentlich wenigstens die Mühe machen, sie abzubestellen. Aber lange bevor ich herunterscrollen und den winzig klein geschriebenen Link zum Abmelden suchen kann, hat der Finger auf meiner Maus die Mail längst ins digitale Nirwana befördert. Von den Nachrichten, die übrig bleiben, sind ein paar wichtig, viel zu wenige interessant, der Rest verteilt sich auf Rechnungen und Werbung. Private Mails sind inzwischen genauso selten wie Postkarten und Briefe, seit es auf dem Handy diesen zugegebenermaßen wahnsinnig praktischen, kostenlosen Nachrichtendienst mit dem grünen Icon gibt (Sie wissen schon, den, der inzwischen einem gewissen Mark Z. gehört, dem Herrscher über das Internet). Ab und zu schafft es eine Spam-Mail durch den Filter, aber auch deren Unterhaltungswert hat irgendwie rapide nachgelassen, seit die Filter besser geworden sind. Von dem spektakulär reichen Onkel aus Afrika, der gestorben ist und mir sein gigantisches Erbe vermachen möchte, höre ich viel zu selten.

Und dann gibt es noch eine weitere Kategorie E-Mails, die das Unpersönliche dieser Zeit auf die Spitze treibt: automatisierte Nachrichten. In der Regel kommen sie von Portalen, auf denen man sich einmal registriert hat, in meinem Fall zum Beispiel Übersetzerportalen, auf denen mich potenzielle Kunden finden können. Das klingt jetzt aufregender, als es ist. Denn gleich die Anrede macht jede Hoffnung zunichte, sorgsam aufgrund meiner einzigartigen Fähigkeiten ausgewählt worden zu sein: „Dear Translator„, heißt es da. Die tendenziell ominösen Absender, deren Signatur oft auf einen Firmensitz in einem nicht gerade für lukrative Bezahlung bekannten Schwellenland verweist, machen sich nicht einmal mehr die Mühe, die Namen der einzelnen angeschriebenen Übersetzer einzufügen. Ich bin nur noch eine von vielen. Genauso ergeht es der Mail jetzt allerdings auch, im Papierkorb meines E-Mail-Programms.

Dann fällt mir etwas auf. Noch während ich schönen Worten und feingeistigen Briefen hinterhertrauere, dämmert mir dunkel der Gedanke, dass man ja immer bei sich selbst anfangen sollte. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal eine E-Mail verfasst, die den Namen Post verdienen würde und deren Eintreffen man mit Stolz verkünden könnte? Wann habe ich das letzte Mal liebe Menschen mit interessanten Berichten, beglückenden Zeilen, herzergreifenden Erzählungen versorgt? Ich versinke vor Scham auf meinem Bürostuhl. Ja, sicher, das Leben ist schneller geworden, hektischer. Wer hat schon die Zeit, die Energie? Wir sollten sie uns wieder nehmen, finde ich. Investieren. In schöne Worte. In richtige, altmodische, glücklichmachende Post.

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Bullshit-Texte

Seit ich auf dem Land wohne, gönne ich mir ab und zu einen Tag in der Stadt und setze mich für ein paar Euro mit meinem Laptop in einen ziemlich netten sogenannten Coworking Space, also praktisch ein Büro mit kompletter Infrastruktur, aber ohne feste Mitarbeiter, in das man einfach hineinspazieren und losarbeiten kann, mitten in Wiesbaden. Die Mittagspausen nutze ich ausgiebig, um meiner trotz guter Landluft nicht ganz totzukriegenden Konsumlaune zu frönen. Ansonsten genieße ich den Kontrast, den die um mich herum sitzenden Kreativlinge und Hipster zu meiner idyllischen, lebenspraktischen Dorfwelt bilden.

Bis zu dem Tag, an dem ich mit einem fröhlichen „Morgeeeen!“ auf den Lippen die Tür des zwar raufasertapezierten, aber dafür mit den obligatorisch coolen Accessoires wie einer fetten Industry-Deckenleuchte und einem Regal aus alten Weinkisten aufgepeppten Altbauraums aufstoße, mich wohlig seufzend niederlasse, Laptop, Smartphone und Kopfhörer um mich herum ausbreite – und dann am Tisch links zwei Typen Anfang Dreißig sehe, die in einem halb gelangweilten, halb Selbstsicherheit vortäuschendem Ton Sätze hin- und herraunen, die aus meiner bescheiden genervten Sicht erheblich zu inhaltsleer sind, um überhaupt ausgesprochen zu werden. Nun ja, es hat eben nicht nur Vorteile, Kollegen zu haben, fällt mir da wieder ein. Geschieht mir ganz recht, ich wollte ja einen Stadttag, statt ganz alleine in meinem wunderschönen frisch renovierten Büro zuhause mit weitem Blick in die frühlingshaft losblühende Natur zu sitzen.

Zeit für Kopfhörer, befinde ich. Webradio jedenfalls ist eine glorreiche Erfindung. Und schon tritt das Gebrabbel angenehm in den Hintergrund. Als ich die Kopfhörer aber eine Stunde später herausnehme, komme ich leider nicht umhin, zu hören, dass die beiden inzwischen keine Allgemeinplätze mehr austauschen, sondern dazu übergegangen sind, an ihren Berichten zu feilen. Ihren englischen Berichten. Müde werfen sie Satzbrocken und Vokabeln hin und her. Da sitzen sie also vor mir, in ihren weißen Hipster-Turnschuhen und der schwarzen Adidas-Jacke mit Goldstreifen, direkt vor mir, tun wichtig und produzieren genau diese Art von englischen (Verzeihung, aber das muss ich jetzt beim Namen nennen:) Bullshit-Texten, über die Übersetzer wie ich später fluchen werden, weil ihr Unternehmen irgendwann feststellen wird, dass es trotz englischer Amtssprache ja doch ganz schick wäre, die Berichte auch alle auf Deutsch vorliegen zu haben. Ein ensure nach dem anderen wabert aus ihren Mündern, weaknesses folgen auf completeness und mir werden passend dazu die Knie weich. Komplett, sozusagen. Zum ersten Mal wird mir klar, dass diese schaurig-schönen Business-Texte, an denen mein Hirn und Herz, meine Motivation und Kreativität regelmäßig verzweifeln, nicht annähernd mit so viel Aufmerksamkeit geschrieben werden, wie ich immer vorausgesetzt habe. Irgendwie war ich nie auf die Idee gekommen, dass sich da nicht eine einzelne Person hingesetzt und voller Überzeugung all das niedergeschrieben hat, was sie zu dem jeweiligen Thema so weiß und denkt. Und sich vielleicht nur ungeschickt ausdrückt. Dass da zwei (oder wer weiß wie viele sonst noch) mäßig erfahrene, fremdsprachlich durchschnittsbegabte Wir-sind-cool-wir-sind-wichtig-Hipster in Bald-ist-Wochenende-Stimmung auf Teufel komm raus englische Vokabeln zusammenblubbern, bis am Ende ein Text auf ihrem Display steht – das war mir nicht in den Sinn gekommen. Auch wenn es im Nachhinein viel erklärt. Sehr viel. All die unfassbar umständlichen und zum Teil bis zur Sinnlosigkeit überfrachteten englischen Satzkonstruktionen zum Beispiel (und wenn ich das schon sage. Wie Sie möglicherweise gemerkt haben, habe ich eine Schwäche, um nicht zu sagen Leidenschaft für überfrachtete Satzkonstruktionen.) Wie oft hatte ich mich gefragt, was um Himmels Willen mir der Autor hiermit eigentlich sagen will. Jetzt weiß ich es: Gar nichts. Der Autor wollte einen Text fertig bekommen und pünktlich Feierabend machen. Der Autor hatte lauter englische Satzbausteine im Kopf, auf die er wahnsinnig stolz war und die er unbedingt alle noch unterbringen wollte.

Was für eine Erkenntnis. Langsam ließ ich meinen Laptop zuklappen, sammelte mein Equipment vom Tisch und entschwand in die Mittagspause, meiner Konsumlust frönen. Schmunzelnd dachte ich an mein Dorf. Da gab es auch Bullshit, aber ganz anders. Der landete wenigstens da, wo er hingehörte: auf dem Feld, nicht im Computer.

Die schönste Form der Kommunikation

Wer mich kennt, der weiß: Ich lache gerne. Und laut. Manche Menschen stört das, aber ich kann es nicht ändern. Ehrlich gesagt will ich das auch gar nicht. Mein Lachen ist ein Teil von mir, vielleicht sogar der authentischste, gerade, weil es sich nicht kontrollieren und in eine beliebige Form pressen lässt. Wem das nicht passt, der möge sich eben die Ohren zuhalten.

Ist das nicht faszinierend? Unser Lachen ist so individuell, wie wir in unserem tiefsten Inneren sind, egal, wie schüchtern, offen, introvertiert, extrovertiert, streng, schlecht oder gut gelaunt und egal, wie angepasst wir durch unser restliches Leben laufen. Unser Lachen verrät immer etwas über unser Wesen (nicht zuletzt, ob wir Humor haben, natürlich). Und ein echtes, herzliches Lachen entzieht sich jeder Kontrolle. Es lässt sich weder leiser noch lauter stellen, weder auf Knopfdruck produzieren noch abstellen. Es ist, als würde einmal kurz alles aussetzen. Vielleicht spricht man deswegen auch vom Lachanfall oder Lachkrampf. Wenn schon Anfall oder Krampf, dann bitte so. (Übrigens, kleiner Tipp am Rande: Geben Sie das einmal in die Suchleiste bei YouTube ein. Absolute Gute-Laune-Garantie!)

Was ich am Lachen so liebe, ist diese Welle positiver Gefühle, die mich dabei geradezu flutet. Der wunderbare Mann an meiner Seite nutzt das übrigens gerne, um mich von der Welle negativer Gefühle abzulenken, die mich beim Anblick unsauberen Geschirrs, das sich auf statt in der Spülmaschine befindet, wild verstreuter Socken, viel zu hoher Strafzettel oder ähnlicher Lappalien schon einmal überkommt. In der Regel klappt das recht zuverlässig, weil er mich schon ein paar Tage kennt und genau weiß, womit er mich zum Lachen bringen kann.

Faszinierend finde ich auch, dass Lachen ansteckend ist. Genau wie Gähnen zählt es zu den sozialen Ritualen, die das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken sollen. Und das tut es tatsächlich. Gemeinsam lachen bringt Menschen einander näher. Lachen ist für mich die schönste Form der Kommunikation. Einem Menschen, mit dem ich gemeinsam gelacht habe, dem fühle ich mich gleich ein Stück näher. Mit dem kann ich auskommen, egal, wie verschieden wir auch sein mögen, egal, was ich vorher über ihn gedacht haben mag. Humor verbindet. Lässt über Dinge hinwegsehen, die man am Gegenüber vielleicht nicht mag. Lässt den Anderen mit all seinen Macken sympathisch wirken. Lässt einen das Gute in ihm sehen. Bringt für einen Moment lang auch im kältesten Klotz und im arrogantesten Aufschneider das Menschliche zum Vorschein.
Vielleicht klingt Ihnen das zu einfach, zu naiv. Kann sein. Aber erstens ist es oft gar nicht einfach, einen kalten Klotz oder einen arroganten Aufschneider tatsächlich zum Lachen zu bringen – denn ich meine ein ehrliches, ein echtes, unverfälschtes Lachen, kein Mitlachen aus Höflichkeit. Kein künstlich provoziertes Lach-Yoga-Lachen. Ich meine diesen Moment, in dem das Gehirn kurz aussetzt, in dem man einfach losprustet, ohne darüber nachzudenken. Schauen Sie Ihrem Mitlachenden dabei in die Augen, erhaschen Sie einen winzig kleinen Blick in sein Herz. Und wenn er danach etwas Blödes sagt, oder, sagen wir, das dreckige Geschirr auf der Arbeitsplatte über der Spülmaschine abstellt, dann ist das gleich nicht mehr so schlimm. Denn vorher haben Sie den Zauber gespürt, waren Sie sich für einen kurzen Augenblick so nah, dass Ihnen plötzlich vollkommen klar ist, dass wir eben alle unsere Fehler haben, dass man uns eben immer nur im Gesamtpaket bekommt, dass das vielleicht gar nicht so verkehrt ist und wir es trotz allem miteinander aushalten können. Weil es da diese gemeinsame Ebene gibt. Und im besten aller Fälle macht uns das neugierig genug, nach weiteren zu suchen.

Und zweitens kann ich nur sagen – egal, wie naiv es klingt, ich zumindest komme so besser durchs Leben. Vielleicht überschätze ich den ein oder anderen damit in seinem guten Kern. Vielleicht will mich ja einer damit manipulieren. Sollte es wirklich jemand schaffen, sein echtes Lachen gezielt dazu einzusetzen, mich ihm gegenüber wohlgesonnener zu stimmen als er es verdient, nun, dann sei es eben so. Zum Glück bin ich weder Richterin noch Geheimagentin oder Bundeskanzlerin. Ich werde keinem dunklen Fürsten versehentlich zur Weltherrschaft verhelfen, weil ich einmal zu oft mit ihm gelacht habe und ihn für einen sympathischen Kerl halte, obwohl sich alle um mich herum entsetzt abwenden. In meiner Welt ist das ein Risiko, mit dem ich getrost leben kann. Und das mir inneren Frieden verschafft. Probieren Sie das ruhig auch einmal! Ich kann es nur empfehlen.

Wir müssen origineller werden!

„Wir müssen origineller werden!“, beginnt der von mir sehr verehrte Jürgen von der Lippe, dessen gesammeltes Bühnenwerk in CD-Form uns schon seit vielen Monden auf langen Autofahrten begleitet, einen seiner Sketche. Sein Appell mag aus den späten Achtzigerjahren stammen, ist für mich aber aktueller denn je. Wir müssen origineller werden – wie recht er hat!

Das muss sich übrigens auch der wunderbare Mann an meiner Seite gedacht haben, als er die Floristin im Blumenladen letztens ganz ernst bat, doch noch etwas „Gestrüpp“ um die schöne Amaryllis zu drapieren (die es übrigens ungerührt hinnahm, und brav drapierte).
Nun, mir persönlich kommt der von der Lippe’sche Satz erstaunlich oft bei der Arbeit in den Sinn. Unschuldig öffne ich einen Text zur Übersetzung und schon schlagen sie mir entgegen, die führenden Innovationen, die bahnbrechenden Entwicklungen, einzigartigen Technologien, Quantensprünge, enormen Fortschritte und großen Durchbrüche. Und dabei ist es relativ gleichgültig, ob es um Autos, Software, Blumentöpfe oder Gummidichtungen geht. Revolutionäre Entwicklungen, soweit das Auge reicht. Da kann man vor lauter zukunftsweisenden Schlüsselstrategien zwischen zwei Zeilen schon mal fortschrittsmüde werden und ein paar flüchtige Gedanken an das Urwesen der Langeweile verschwenden (und daran, wie es wohl heißen und aussehen mag. Ich wette, es ist staubgrau, heißt Versicherungsbüro und arbeitet in einer Marketingabteilung. Und zwar in der, aus der meine Texte kommen). Da bleibt einem nur, ein Gähnen zu unterdrücken, noch einen Kaffee zu trinken, wild entschlossen kurz zu verzweifeln, stellvertretend für den Hersteller den Computerbildschirm anzuschreien: „SIE MÜSSEN ORIGINELLER WERDEN!“, sich anschließend die virtuelle Krone zu richten und weiterzumachen. Und sich klammheimlich zu fragen, ob man mit dem Slogan Eine Dichtung, die selbst Schiller und Goethe in den Schatten stellt nicht eigentlich auch Gummidichtungen verkaufen könnte. Hm – vielleicht sollte ich doch eine eigene Gummidichtungsfirma gründen.

Aber Übersetzung beiseite, auch privat denke ich mir oft genug, dass die Welt mehr Originalität vertragen könnte. Sind Sie in den letzten Jahren einmal durch den Prenzlauer Berg in Berlin gelaufen? Irgendwer hat da irgendwann beschlossen, dass Schwarzrandbrillen gepaart mit Holzfällerhemden und gartenzwerglangen Vollbärten doch ein origineller Look wären. Damals war das sicher auch so. Das sah zwar auch damals schon nicht schön aus, aber originell – und das ist ein sehr legitimes Anliegen, also Daumen hoch. Es konnte ja keiner ahnen, dass sich daraus ein unfassbar langanhaltender Trend entwickelt, der es wirklich schwer macht, heute in Berlin überhaupt noch unbebrillte, vollbartlose männliche Exemplare zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Vierzig anzutreffen. Männer, ihr müsst origineller werden!
Dieser Herdentrieb scheint überhaupt erschreckend verbreitet. Auf Facebook zum Beispiel, wo es diese praktischen Gruppen gibt, in denen sich Menschen zu einem Thema zusammentun. Zum Beispiel, um nicht mehr benötigte Möbel, Klamotten oder sonstige Besitztümer zu verschenken bzw. dringend benötigte zu ergattern. Tolle Sache. Wenn dann nicht jeder zweite eine Wandertasche mit Kinder-, Frauen-, Hipster-, Wasweißichwas-Klamotten einstellen würde, die dann weiter wandern darf. Die dann andere in den Kommentaren mit einem Interesse bedenken oder als tolles Give bewerten, für das sie sich lieb anstellen. Die gesamte Gruppe kommt mit einem Wortschatz aus, der den eines gewissen orangehaarigen, altmodische rote Krawatten liebenden Amerikaners noch weit unterbietet. In anderen Facebook-Gruppen, die tausende Mitglieder zählen, besteht gefühlt jeder dritte Beitrag aus einem Danke für die Aufnahme in Weiß auf quietschebuntem Grund. Vielleicht sollte ich da auch mal so ein buntes Hintergrundbildchen einstellen und dick und fett daraufschreiben: IHR MÜSST ORIGINELLER WERDEN!

Wie Sie merken, es macht mich wahnsinnig. Langeweile hat in unserer Sprache nichts zu suchen, finde ich. Also, ob Sie sich gerade in den sozialen Netzwerken herumtreiben,  Gummidichtungen verkaufen, Schlüsseltechnologien entwickeln oder Freunde zu Besuch haben: Seien Sie ungewöhnlich! Trauen Sie sich etwas! Werden Sie origineller! Und bewerben Sie sich dann in einer Marketingabteilung! Am besten in der meiner zukünftigen Gummidichtungsfabrik.

Die Rechtschreibprüfung

Ich stelle immer wieder fest, dass die meisten Menschen nur wenige Vorstellungen davon haben, wie der Berufsalltag einer Übersetzerin aussieht. Und tatsächlich gibt es ja von Fall zu Fall auch kleine Unterschiede. Gemeinsam ist uns allen aber, dass wir unsere Tage vor dem Computerbildschirm verbringen, von dem uns ein Text nach dem anderen zulächelt und in aller Stille auf seine Übersetzung wartet. Bei manchen macht er es sich dabei in einer Word-Datei bequem, wenn er nicht von tabellenfanatischen Technikern in ein Excel-Format gezwungen wurde, das ihn – und den Menschen vor dem Monitor – irgendwie traurig aussehen lässt. Bei mir hockt er oft in einer speziellen Software, die allen Formaten ein Einheitsdress verpasst, weswegen ich niemals traurig aussehe, wenn ich meinen nächsten Text begrüße. Meine Software wurde speziell für Übersetzer erdacht, deswegen legt sie Wert auf Qualitätssicherung – nun, zumindest im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Sie bietet mir also unter anderem eine Rechtschreibprüfung an, so wie man das aus Word eigentlich auch kennt. Das ist manchmal auch wirklich nützlich. Manchmal. Dann, wenn man die Mitarbeiter beim schnellen Tippen einmal wieder zu Mitarbeitieren gemacht hat, das zehnte (wahlweise hochwertige, herausragende, einzigartige, einmalige oder ganz besondere) Design zum Desing mutiert und das Management ohne zweites a zum mysteriösen, französisch klingenden Mangement verkommen ist. Dann ist sie nützlich. Also in etwa zehn Prozent der Fälle. Zu neunzig Prozent ist die Rechtschreibprüfung dagegen eine sehr beschränkte, ungebildete, altmodische und kompositafeindliche Funktion, die mich wahlweise auf die Palme oder zum Lachen bringt. Denn wenn sie ein Wort nicht kennt, begnügt sie sich nicht mit roten Schlängeln unter dem Wort, nein, sie gibt doch nicht einfach auf – das naseweise Ding macht mir Vorschläge. Ein Beispiel: Ich schreibe Lastkraftwagen. Kennt die Prüfung nicht, ist nicht im Wörterbuch. Stattdessen also der absolut naheliegende Vorschlag: Lustkraftwagen. Wieso der im Wörterbuch steht – und wozu der dienen soll – ist mir bis heute ein Rätsel. Nicht das einzige. Vor allem, weil überraschenderweise, als es in einem Wirtschaftstext letztens über den Börsenkurs eines Sexshops ging, das Wort Sexshop zu Seeshop korrigiert werden sollte. Nanu, plötzlich so prüde?
Tja, die liebe Rechtschreibprüfung kennt meine Wörter zwar nicht, vom originellen Seeshop und Lustkraftwagen abgesehen kenne ich ihre aber in der Regel schon. Sie ist nur eben einfach nicht auf dem neuesten Stand. Von Hedgefonds hat sie nie gehört, in ihrer Welt heißt das handgeführt. Statt der Playstation schlägt sie Stationssignal oder alternativ Verpflegungsstation vor. Nun ja … Snacks bietet die Konsole meines Wissens noch nicht an, aber vielleicht eine gute Idee für eine nützliche Zusatzfunktion? Oxfam findet sie offroad und Nintendo zu datenintensiv.
Ganz offensichtlich ist diese Prüffunktion nicht so seelenlos, wie ich dachte. Sie möchte mir etwas sagen. Sie macht sogar Produktverbesserungsvorschläge. Und sie möchte ein Leben ohne Hedgefonds und Lastkraftwagen. Sie möchte nicht über Nintendo, sondern über Honigernten, Integratoren und Opernintendanten sprechen (das waren die Alternativvorschläge zu datenintensiv). Sie mag Harry Potter nicht, denn Quidditch und den Schnatz will sie gnadenlos ersetzen durch Fluiddichtungen und den Schatz, Schmatz oder Schwatz. Gefräßig scheint sie auch zu sein, denn sie will lieber Fastfood statt Fashion. Und sie wünscht sich eine Welt, in der der man nicht auf Franchise, sondern auf Branchenwissen oder alternativ auf Frischkäse vertraut. Und sie kritisiert mich, also meine Ausdrucksweise. Affin – wer drückt sich schon so aus, das ist doch affig. So so.
Diese Rechtschreibprüfung hat offensichtlich ihre ganz eigene Meinung zu meinen Texten. Ein bisschen viel Meinung, wenn Sie mich fragen. Zum Glück bin von uns beiden ich diejenige, die hinter dem Bildschirm sitzt. Die sie milde lächelnd mit einem Klick auf „Hinzu“ zwingen kann, meine Wörter zu lernen, das störrische Biest. Klick. Klick. KLICK!

Die Geschichte vom Weißkohl und den Dödölle

Dezember 2017. Draußen winterähnliches Wetter. Drinnen schön warm und muggelig, die Couch verlockend weich. Dem wunderbaren Mann an meiner Seite und mir ist nach Fernsehen. Schau an, auf arte gibt es eine kleine Doku über den ungarischen Balaton (Plattensee) und seine kulinarischen Facetten. Sehr schön, vielleicht kann ich noch etwas lernen, schließlich steht ja Ende des Monats die Verwandtschaft aus Budapest auf der Matte. Tja … um die Spannung jetzt nicht bis ins Unermessliche wachsen zu lassen: Der Lerneffekt hielt sich in Grenzen. In sehr, sehr engen Grenzen.

Dabei fing es so schön an. Mit zauberhaften Bildern, die eine ursprüngliche, menschenverlassene Landschaft rund um den Balaton zeigen, den See im Winter, das Schilf am Ufer, das sich im Winde wiegt. Ich bin überrascht, denke ich doch zuerst an die Kindheitserzählungen des wunderbaren Mannes an meiner Seite, in denen von unromantischen Betonstegen die Rede war und dann an die Bilder aus einer anderen Reportage, in der leere deprimierend graue Betonhotels in wirklich sehr unromantischer Plattenbauweise am Rande des Sees die zwei oder drei letzten Touristen auf Betonterrassen mit unpassend grellen und aufdringlich blinkenden Leuchtreklamen spuckten. Ganz offensichtlich ist der See aber größer und betonloser, als ich dachte. Müssen wir beim nächsten Urlaub gleich mal überprüfen, notiere ich mir still auf meiner imaginären Muss-ich-sehen-Liste.

Mit der Titelmelodie und den ersten Bildern endet allerdings auch der Bildungsauftrag, den man einem Sender wie arte ja unterschwellig irgendwie immer unterstellt. Der Rest des Berichts liegt irgendwo zwischen Entsetzen und absurder Komik.

Erstes Thema: Káposzta (Sauerkraut). Dorf Nr. 1. Eine Frau, deren Mann László heißt, wie alle ungarischen Männer (na gut, fast alle), steht mit ihrem 10-jährigen Sohn in der Küche und reibt Kohl über einen Hobel mit Holzgriff, der seinem Äußeren nach zu urteilen bereits seit Generationen in der Familie weitervererbt wird, ebenso wie der große Bottich aus sehr dunklem Holz, den sie permanent mit den neusten Hobelergebnissen und Gewürzen befüllt. Dann fordert sie das barfüßige Kind auf, in das urzeitlich anmutende Gefäß zu klettern und auf dem Kraut herumzutrampeln (womit es, wie es scheint, ab jetzt den Rest seiner Sommerferien verbringen darf, da es mit seinen zehn Jahren im perfekten Stampfalter sei und das ganze Dorf auf seine Trampelqualitäten warte). Die Mutter strahlt in die Kamera: „Das Wichtigste in meinem Leben ist mein Mann, direkt danach kommt der Weißkohl.“ Kameraschwenk auf das Kind.

Nächstes Dorf, nächstes Thema, und mein zweites sprachliches Highlight: Dödölle (Schupfnudeln). Von dem lebenswichtigen Weißkohl bereits in eine alberne Grundstimmung versetzt beschert mir der in den nächsten Minuten unfassbar oft rezitierte Name des Gerichts einen geradezu unwürdigen Lachkrampf.
Stoppen kann mich nur die Verwunderung über fünf verheiratete Frauen im besten Alter, die mitten im Winter in einer Art Dorf-Grillhütte samt Steinofen und Kochfeld stehen, und, als wäre es das Normalste der Welt, in Daunenjacke und mit Schal umwickelt besagte Dödölle zubereiten. Die forscheste unter ihnen unterweist ihre Freundinnen in der versierten Nockenformung mit zwei Löffeln statt mit den Händen, was eine rege Diskussion auslöst.

Auf weitere sprachliche Highlights habe ich leider vergeblich gewartet. Dafür beglückt mich arte mit Szenen von Männern (Lászlós und Nicht-Lászlós) bei der winterlichen Schilfernte, die in ihrer Pause am Seeufer stehend die von den Frauen gebrachten Dödölle probieren, sich selbst und ihre Arbeit sehr wichtig finden und herzlich lachen, als einer sagt, dass die Schilfernte eben echte Männerarbeit sei.
Noch während meine Hand auf meine Stirn klatscht, erscheint eine große, laut ratternde, sehr alte Webmaschine im Bild, dahinter eine nicht minder alte Frau mit absurd orangen Haaren, die einzeln im Zeitlupentempo Schilfstangen in die Maschine wirft, auf dass in ferner Zukunft eine Schilfmatte daraus werde. Eine jüngere Frau steht daneben und sieht der Arbeit zu. Zwischendurch kocht ein László Gulasch, später langweilt ein Opa seinen brav frierenden Enkel noch beim Eisfischen im zugefrorenen See, bevor 26 Minuten voller nervenzerreißender Spannung schließlich zu Ende gehen.

Aber zurück zum Lerneffekt. Was habe ich nun also aus dem halbstündigen Ausflug ins Bildungsfernsehen für mich mitgenommen, abgesehen von dem Urlaubstipp?

1. Hauptzutat in allen ungarischen Gerichten sind Zwiebeln.

2. Mindestens zwölf Menschen aus zwei ungarischen Dörfern irgendwo am Balaton scheinen ein echt schräges Leben abseits jeglicher Emanzipation und moderner Küchengeräte zu führen.

3. Wer Sauerkraut machen will, braucht ein zehnjähriges Kind.

4. Dödölle ist ein sehr, sehr lustiges Wort.

Silvester auf ungarisch oder: Die Tuschmaschine

„Die Familie kommt!“, sprach der wunderbare Mann an meiner Seite, und seine himmelblauen Augen hüpften ein bisschen vor Freude. Und so war es dann auch. Die Familie kam, samt 3-jähriger Nichte und einer gigantischen Flut von Koffern, die uns kurz zweifeln ließ, ob im Vorfeld statt besuchen nicht doch der Begriff einziehen gefallen war. Viereinhalb Ungarn, eine Deutsche, eine Wohnung, eine Woche. Inklusive Silvester. Es sollte ein denkwürdiges werden.

An Tag 2 entdeckt das Kind die (auf verschleierten Pfaden zu uns gelangte) Tuschmaschine. Kennen Sie nicht? Es handelt sich dabei um einen kleinen roten Kasten mit einem Lautsprecher, 16 Knöpfen und einem Bändel, an dem ihn sich normalerweise karnevalstrunkene Kölner in der fünften Jahreszeit um den Hals hängen, um jederzeit ihre unverbrüchliche Feierwut kundtun zu können, ohne das eigene Stimmorgan dafür bemühen zu müssen, das schließlich schon genug damit zu tun hat, Kölsch an sich vorbeifließen zu lassen.
Das Kind drückt etwas unsicher auf die erste Taste, und überraschend laut ertönt ein mir allzu vertrautes Geräusch: Tätääääää – tätääääää – tätääääää! Das Kind gluckst. Eigentlich hasse ich Karneval. Und doch: Ganz die stolze Tante aus Deutschland blicke ich die Kleine gerührt an. Ihr erster Karnevalstusch! Hach ja. Fast könnte man das Bedürfnis verspüren, eine Büttenrede zu halten. Nun ja, fast.

Tag 3: Kölle – Alaaf! Kölle – Alaaf! Kölle – Alaaf! ruft die Tuschmaschine. Der auf meiner Jahresend-Playlist verewigte Bing Crosby säuselt im Hintergrund I’m dreaming of a white Christmas. Aber was weiß der schon. Nix eigentlich, draußen sind es nämlich 10-15 Grad, im Grunde bestes Karnevalswetter. Das Kind scheint das ganz genauso zu sehen und probiert fleißig Knöpfe aus. Und so sitzt die Familie Ende Dezember im Wohnzimmer versammelt, um den zunehmend schwächer lamettaglitzernden Weihnachtsbaum (das Kind legt ein ausgesprochenes Talent zum Abpflücken von Lametta an den Tag) herum, während ein kräftiges Köbes – en Kölllsch, begleitet von kneiptentypischen Nebengeräuschen durch den Raum hallt. Das Kind ist begeistert. Statt Köbes versteht es zwar Krampus (die Schreckgestalt, die in Teilen Süddeutschlands, Osteuropas und in Österreich den heiligen Nikolaus begleitet), das scheint seiner Freude allerdings keinerlei Abbruch zu tun. Kölsch muss in Ungarn eine schlimme Drohung sein.

Tag 4: Die ungarische Familie wird immer textsicherer. Alle können inzwischen Kamelle! rufen, mit Strüssjer! tut man sich dagegen noch schwer. Die ersten Klänge von Denn wenn dat Trömmelche jeht sind aber schon allen in Fleisch und Blut übergegangen. Auch der Refrain von Viva Colonia wird fleißig mitgesummt und mitgeschunkelt.
Allmählich frage ich mich, wie es passieren konnte, dass ich, ausgerechnet ich, die Kölnerin ohne Karnevalsgen, zur geheimen Botschafterin des Kölner Karnevals werden konnte. Keiner hier hat auch nur den Hauch einer Ahnung, wie absurd diese ganze Szenerie ist.

Tag 5: Das Schunkeln scheint ungeahnte Kräfte freigesetzt zu haben. Die Arbeit an eigenen Choreographien beginnt. Während ich an den letzten Weihnachtsplätzchen knabbere, sehe ich mir abwechselnd schmunzelnd und stirnrunzelnd an, wie der wunderbare Mann an meiner Seite und meine wunderbare Schwiegermutter sich an den Händen fassen und im Esszimmer zu den Klängen von Ritsch-Ratsch, de Botz kapott ein Tänzchen improvisieren. Das Kind klatscht vor Freude. Die Nachbarn von gegenüber verbringen ihre Abende inzwischen größtenteils vorm Fenster. Ab und zu winken wir freundlich hinüber.

Tag 6: Tanzen, Schunkeln, Summen und Singen reichen dem Kind nicht mehr. Es hat herausgefunden, dass sich die Töne der Tuschmaschine abkürzen lassen, wenn es noch während des Abspielens auf einen anderen Knopf drückt. Kam…Alaaa…Da simmer da… Strüssjer! mixt die kleine DJane zusammen. Begabt, das Kind. Tätääääää – tätääääää – tätääääää!

So geht schließlich eine Woche voller Karneval zu Ende. Weihnachtsbaum, Plätzchen, Glühwein, Raclette und Silvesterraketen inklusive. Auch wenn sich daran wahrscheinlich später keiner mehr erinnert. Was die Familie dagegen in ihren Herzen und Köpfen nach Ungarn tragen wird, sind Kamelle, Strüssjer, Kölsch und Karnevalsmelodien. Wenn das mal nicht die Geburtsstunde einer ganz neuen ungarischen Silvestertradition ist.