Lasst die Wortspiele beginnen

Hurra, es ist Fußball-EM! Für sprachaffine Menschen eine mindestens genauso aufregende Zeit wie für Fußballfans. Denn wann sieht – und hört! – man sonst schon eine solch geballte Masse Rasenballsport? Ob man sie verehrt oder verachtet, die Gottlobs und die Réthys dieser Welt servieren uns Wortwitzigen, uns, die wir Fußball als großes Ganzes wahrnehmen, deren Interesse weit über das Spiel hinausgehend auch fundamentale Faktoren wie Frisur, Trikot-Passform, Aussehen, Alter und Ausstrahlung der Spieler in ihrem vollen Ausmaß und ihrer wahren Bedeutung zu würdigen weiß, zuverlässig Abend für Abend neue sprachliche Leckerbissen, die uns wahlweise (freiwillig oder unfreiwillig) schmunzeln, aufstöhnen, die Hand an die Stirn klatschen oder auf den Schenkel klopfen lassen. Ein wahres Fest für unser Sprachzentrum.

Lauschen wir den Kommentatoren doch eine Minute. „Und da fährt der die Gräte aus“, empört sich der erste. „Jetzt müssen sie aber die Ärmel hochkrempeln… wenn das ginge, aber die Trikots haben ja kurze Ärmel … also, dann müssen sie jetzt aber die Beine unter die Arme nehmen.“ Aha. Der Experte in der Pause erzählt unterdessen von seinem neuen „Volleyballschläger“. Soso. Der nächste Kommentator scheint gedanklich noch dem Song zur WM 2010 nachzuhängen und berichtet, der Schweizer Nationalspieler „Shakira“ habe den Ball soeben an „Cher“ gepasst (bei genauerem Hinsehen entpuppten sich die beiden als Shaqiri und Schär). Das erinnert mich plötzlich an Argentinien, wo es einen Nationalspieler namens Di Maria gibt. „Di Maria hat den Ball“ … „Di Maria zieht vorbei“ … „Er gibt ab an Di Maria, Di Maria schießt…“ – Ach, was waren das herrliche Kommentare bei der letzten WM.

Alle, die wie ich Asterix lieben, kommen aber auch bei dieser EM voll auf ihre Kosten. Ich sage nur: Island. Erstens: Alle Spielernamen haben dieselbe Endung. Zweitens: Ein Stürmer, der Sigthorsson heißt. Drittens: Ein Torwart, der Halldorsson heißt. Ist das zu fassen? Nein! Das ist Island! Also bitte, da kann man doch gar nicht anders. Die Twitter-Gemeinde überschlägt sich vor Eifer bei der Suche nach dem originellsten, lustigsten, intelligentesten, plattesten – nun, oder auch einfach überhaupt nach einem Wortspiel. „Ausgleichsson“ wird nach der portugiesischen Führung gefordert, „Kontertorson“ gar. Und natürlich ein plötzlich heiß ersehntes Siegtor für Island durch Sigthorsson. Bis zu diesem einen Moment, in dem der Coach grausam alle Hoffnungen zerstört und den Stürmer mit dem vielversprechenden Namen einfach auswechselt. (Natürlich fiel dann auch kein Siegtor mehr. War ja klar.) Und die Zeitungen titeln „Sensationsson“ und „Überraschungsson“.

Besser geht’s nicht. Außer vielleicht am nächsten Spieltag. Denn: Das nächste Wortspiel kommt bestimmt!

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Seltsam

Hierzulande ist manches seltsam. Das Wetter, das Verhalten von Politikern oder dass man immer an der falschen Kasse ansteht. Und manchmal auch unsere Sprache. Ein verwundertes Kopfkratzen lösen bei mir zum Beispiel oft Ortsnamen aus. Ortsnamen wie Weiterstadt oder Neindorf. Da fragt man sich ja schon, wie diese Namen entstanden sind. Wie schrecklich muss ein Landstrich sein, dass man ihn Hassloch nennt? Und gibt es wirklich geile Kirchen in Geilenkirchen?
Im Vergleich dazu wirft der Name der Stadt, in der ich aufgewachsen bin – Leverkusen – wenige Fragen auf und ist geradezu langweilig normal. Zu lang dafür, zu unmelodisch, unansehnlich irgendwie und wenig attraktiv, was Klang und Reimfähigkeit betrifft (genauer betrachtet also eine absolut treffende Benennung), aber seltsam ist an dieser Stadt nicht der Name. Seltsam ist der Geschmack seiner Einwohner. Und damit meine ich ausnahmsweise nicht das, nun, sagen wir, eigenwillige Stadtbild. Damit meine ich die seltsame Vorliebe der Leverkusener für Wortspiele (ein Paradies für Friseure, könnte man sagen). Als vor vielen, vielen Monden der Komplettumbau eines städtischen Schwimmbads anstand, wurden die Bürger gebeten, Namensvorschläge für das neue Nassparadies einzureichen. Tja, seitdem heißt das Bad CaLEVornia. Ich kommentiere das lieber nicht weiter. Und nein, das war kein einmaliger Ausrutscher. Jahre später wurde eine neu mit Geschäften und Cafés gestaltete Brücke in der Innenstadt Rialto BouLEVard getauft. Bleibt nur zu hoffen, dass damit das Potenzial für ähnlich kreative Ergüsse mit dem Kürzel LEV erschöpft ist.

Es geht aber noch viel seltsamer. Das Seltsamste, das ich in meinem Leben bisher je gehört habe, war ein Satz, den eine Frau in einem kleinen Drogeriemarkt irgendwo in den Weiten Berlins von der anderen Kasse in meine Richtung herüberrief. „Ich sammle tote Ameisen!“, rief sie. Ah ja. Ich weiß noch, wie ich auf das soeben gekaufte Ameisengift in meiner Hand hinabblickte, und wie sie dann, herübereilend, in einer vollkommen unnötigen Ausführlichkeit erläuterte, dass sie Schmuck aus toten Ameisen herstelle. Und fragte, ob ich ihr nicht welche schicken könne. „Klar“, sagte ich. Habe ich dann aber doch nicht gemacht. Ganz ehrlich, das war mir einfach doch zu …. seltsam.

 

 

Mitten ins Herz

Für jeden von uns gibt es ganz subjektiv das, was Gustave Flaubert, der französische Romancier aus dem 19. Jahrhundert, das mot juste nannte, also das genaue, das treffende Wort. Er war überzeugt davon, dass gute Literatur nur durch vollkommene Präzision und Sorgfalt bei der Formulierung entstehen könne. Genauer betrachtet ein Rat, den man so manchem Schreiberling heute gerne wieder ans Herz legen würde…

Doch auch außerhalb der schreibenden Zunft ist das ein interessantes Konzept. Jedes Wort hat nicht nur eine ganz bestimmte Aussage, sondern auch eine Wirkung. Genau genommen sogar zwei. Die generelle Wirkung, die es im Zusammenspiel mit seinen jeweiligen Textabschnittsgefährten (Deckname Kontext) ausübt und die individuelle Wirkung, die es in jedem von uns entfalten kann, sozusagen die Glocke, die in unserem Inneren klingelt, wenn wir etwas ganz Bestimmtes mit diesem Wort oder Ausdruck verbinden.

Mit wohl gewählten Worten lässt sich daher viel erreichen. Das wissen nicht nur Politiker (die es allerdings zu meinem Leidwesen oft genug nur noch im Umkehrschluss beherzigen, also statt die richtigen Worte zu suchen sich ausschließlich auf die Vermeidung der falschen konzentrieren – drohenden Medienstürmen sei Dank), Sektenführer, Dichter und begabte Redner. Eigentlich kennen wir das doch alle. Diesen Moment, in dem es uns erwischt. Da reicht eine Textzeile in einem Lied, der Kommentar eines Freundes, ein Satz aus einem Buch oder ein Wort im Radio, und es trifft uns mitten ins Herz. Die Worte lösen etwas in uns aus. Simples Entzücken ob ihrer Schönheit, warmen Zuspruch ob ihrer Wahrheit, stille Sehnsucht ob ihrer Weisheit, sanfte Wehmut ob der Erinnerungen, die sie in uns aufsteigen lassen oder tiefe Erleichterung ob der urplötzlich glasklaren Erkenntnisse über die Welt, über das Leben oder uns selbst.

Die richtigen Worte im richtigen Moment sind wichtiger, als so mancher heute glaubt. Eine Prise Flaubert könnte unserer modernen Gesellschaft da nicht schaden. (Übrigens, angesichts des drohenden Valentinstags, auch so mancher Partnerschaft nicht.)
Ganz klar: Man kann sie nicht immer treffen, die richtigen Worte – aber man kann immer jemanden treffen, mit seinen Worten. So oder so. Bedenkenswert, finden Sie nicht?

Wahnsinn, das gibt es. Nicht.

Iro·ni̱e̱
Substantiv [die]

1. Der Vorgang, dass jmd. auf indirekte Weise seinen Spott zum Ausdruck bringt, indem er das Gegenteil dessen sagt, was er meint.
2. Mein zweiter (okay, dritter) Vorname

Schon Sokrates in der Antike kannte sie, wenn auch in einer etwas anderen Bedeutung. Nach ihm, der bekanntermaßen auf seinem Nichtwissen beharrte, ist mit der sokratischen Ironie auch heute noch die bewusste Verstellung eines Gesprächspartners benannt (im Prinzip das absichtliche Dummstellen), um das Gegenüber in die Falle zu locken, es sozusagen höchstselbst die Falschheit seiner Aussage aufdecken zu lassen. Perfide, aber wirkungsvoll.

Seitdem hat sie eine lange, wandlungsvolle Geschichte hinter sich, die Ironie. Was hat sie nicht alles durchmachen müssen. Wie oft wurde sie missverstanden. Wie oft benutzt und von gemeinen Zynikern missbraucht. Und dann kam das Internet.

Mit ihm kam nicht nur eine Welle von neu erwachter Begeisterung für die Rautetaste, die bis dahin ein eher ungeliebtes Dasein auf den Tastaturen dieser Welt fristete, was sich spätestens mit der Geburt von Twitter radikal änderte. Die Hashtag-Manie griff um sich, verlangte nach Originalität und machte fleißigen Gebrauch der guten alten Ironie (zugegeben: nicht immer ganz unamüsant).
Mit ihm kam auch ein Problem in unsere Welt, das die meisten vorher nicht kannten. Es wagte sich aus seiner Nische und wuchs und wuchs und wollte gar nicht mehr aufhören zu wachsen. Heute ist es so groß wie Russland. Mindestens. Sie mögen ahnen, was ich meine: Das Problem, dass ironische Bemerkungen in den (wahrscheinlich parallel zur Entwicklung unserer Aufmerksamkeitsspanne) immer kürzer werdenden Online-Aussagen nicht mehr verstanden werden. Aber der gemeine Internetnutzer ist ja erfinderisch. Und so erfand er den Zwinkersmiley, mit dem heute jeder auch noch so kleine Funke Ironie zugepflastert wird, damit der Leser ihn auch ja nicht verpassen möge.
Und dann kamen die Chatnutzer. Wer auch immer das war, irgendjemand hat sie (oder zumindest ihre Sprache) aus ihrer Ecke gezerrt und mitten in die große weite Welt geschubst. Seitdem profitiert der Leser von so wunderbaren Konstruktionen wie *Ironiemodus an*/*Ironiemodus aus*, in die Kommentare eingerahmt werden. Herrlich. Einfach herrlich.
Da offenbar nicht nur aller guten, sondern auch aller fragwürdigen Dinge drei sind, blieb es natürlich nicht dabei. Ein paar findige Anglizismen heischende Prenzlauer-Berg-Latte-Macchiato-irgendwasmitMedien-Hipster brauchten mehr. Es reichte ihnen alles nicht. Und seitdem darf ich im Internet regelmäßig Sätze lesen, die mir ob ihrer Falschheit und grauenhaft gewollten Originalität die Haare zu Berge stehen lassen. Sätze wie „Das ist wirklich, wirklich lustig. Nicht.“ oder „Einfach großartig. Nicht.“ etc. Ganz ehrlich, die Konstruktion funktioniert schon im englischen Original nur bedingt, weil so viele es so gerne falsch benutzen (warum auch immer), aber grundsätzlich erlaubt die englische Satzstellung diesen Witz durchaus. Die deutsche aber nicht! Gar nicht! Überhaupt nicht! Außer natürlich in meiner Überschrift. Da natürlich schon.

Wie unpassend!

Gestern musste ich mich wirklich wundern. Da ging ich spazieren und bog in eine Straße ein, die sich lange, meiner Meinung nach sogar sehr lange (als es zu regnen anfing eindeutig viel zu lange) einen Berg hinaufwand. Während ich mir also vorstellte, einer Bergziege gleich behände und ganz ohne Ächzen und Stöhnen die langgestreckte Anhöhe zu erklimmen und dabei versuchte, mich weder von meinen brennenden Oberschenkeln noch von meinem lauten Japsen und Schnaufen ablenken zu lassen, erblickte ich zu meiner Rechten plötzlich ein Straßenschild. Und blieb ob dieses Anblicks verdattert stehen. Flachstraße las ich da. Wie unpassend! Diese Straße war alles – lang, sehr lang, viel zu lang sogar, gewunden, steil, bergig – alles, aber nicht flach. Stadtplaner hatten wohl doch mehr Humor als ich dachte … Kopfschüttelnd und die lautstarken Einwände meiner Lunge und Beinmuskeln geflissentlich ignorierend nahm ich meinen Weg wieder auf und kletterte weiter hoch, bis zu einer Abbiegung, an der es in ein kleines Sträßchen mit dem sinnigen Namen Am Hang ging. Die Sektlaune der Stadtplaner hatte wohl ihr Ende gefunden.

Doch eigentlich gibt es sie doch immer wieder, diese Momente, in denen man denkt: „Nanu, wer bitte hat sich denn diesen Namen ausgedacht?“. Ich erlebe sie oft auf der Autobahn, wenn ich an Raststätten wie Schauinsland West oder Viehwald vorbeikomme und Abfahrtsschilder Orte wie Oed, Leer, Neindorf oder Weiterstadt ankündigen. Da kann man schon mal ins Grübeln geraten, was zur Entstehung dieser Namen geführt haben mag. Wie verdient sie sind. Und ob man sich wohl je daran gewöhnen kann, in einer Gemeinde zu leben, die Streit, Haßloch, Galgen, Geilenkirchen oder Wixhausen heißt. In meinem Heimatort gibt es einen Stadtteil mit dem Namen Fettehenne. Auch nicht schön. Wie passend der Name ist, dazu möchte ich jetzt lieber nichts sagen.
Dann doch lieber ab ins Allgäu nach Lachen, ins bayerische Feiern oder ins bergische Land nach Witzhelden.

Wie passend oder unpassend ein Name ist, ist im Grunde natürlich völlig subjektiv. Als ich das letzte Mal durch Österreich fuhr, sah ich Werbung für ein Modeunternehmen, das sich Fussl nennt. (Ein Blick aufs Impressum verrät seinen Sitz: Am Fusslplatz 26-32.) Da wünscht man sich wohl kaum, dass die Kunden „wie passend“ denken … Wenn ich ein Modeunternehmen hätte, würde ich es ja (selbst wenn es in Oberhäslich ansässig wäre) eher Edel & Elegant statt Fussl nennen, aber was weiß ich schon? Ich würde ja auch lieber in Lachen oder Feiern wohnen als in Fettehenne oder Wixhausen.

In diesem Sinne: Ob Sie in Lederhose, Kaffeekanne, Elend oder Luschendorf wohnen – machen Sie das Beste draus!

 

Denn do ben ich zohuss*

Der schönste Dialekt ist ja immer der, mit dem man aufgewachsen ist. Tja, ich bin ohne Dialekt aufgewachsen. So ist das nämlich, wenn ein Elternteil kein Muttersprachler ist und der andere sich erfolgreich bemüht, immer Hochdeutsch zu sprechen. (Verstehen Sie mich nicht falsch – dafür bin ich durchaus dankbar. Spätestens seit meinem Studium in der Pfalz, als mir zum ersten Mal Menschen begegnet sind, die Hochdeutsch offensichtlich nur für ein böses Gerücht halten (siehe auch Ein Fall für sich: Pfälzisch)). Ich kann also nicht mit Sicherheit sagen, wann meine erste Berührung mit dem Dialekt meiner Heimat stattfand. Fest steht lediglich, dass dies außerhalb der vier Wände meines Elternhauses passiert sein muss.

Ich bin in Köln geboren (von wo ich ein Jahr später in eine viel zu kleine Nachbarstadt mit einem viel zu lieblosen Stadtbild rund um ein viel zu großes Chemiewerk verschleppt wurde). Technisch gesehen bin ich also ne kölsch Mädche*. Ich sprech nur nicht so. Mein L ist kein dunkel betonter Dreifachlaut, ich kann ch hörbar von sch unterscheiden und mein Ei ist ein Ei, kein Äi. Ich lese, ich schreibe und ich laufe gerade, wenn der Rest des Rheinlands am Lesen, am Schreiben und am Laufen ist. Wenn ich mich über jemanden ärgere, bezeichne ich ihn als Idioten und nicht als fiese Möpp*. Und wenn ich fluche, wähle ich wenig originell den Ausdruck mit Sch, statt aus vollem Herzen sun Driss* zu brüllen.

Also in der Regel ist das so. Doch ming kölsches Hätz* erwacht zuverlässig, wenn jemand die richtige Musik aufdreht, also wenn et Trömmelsche jeht*, sozusagen. Da ben isch dobei* und finnde dat pri-hi-ma. Obwohl ich KEIN Karnevalsfan bin. Wirklich nicht. Aber die Lieder kann ich alle. Und wenn irgendwo die ersten Akkorde von En unserem Veedel* erklingen, reihe ich mich ohne zu zögern ein, hake mich bei Wildfremden unter, schunkele im Takt und singe mit vor Rührung feuchten Augen jede einzelne Zeile mit. Wie jeder gute Kölner eben. Mir sin evve janz schön sentimentaal.*

Ohne Musik kommt mir selten ein kölsches Wort über die Lippen. Bis auf eines, das ich einfach wunderbar finde und für das mir schlicht eine adäquate hochdeutsche Entsprechung fehlt: usselig. Usselig ist die Bezeichnung für das unangenehme nasskalt-graue Wetter, das im Rheinland den Herbst und Winter dominiert und die Entscheidung zwischen Couch und Spaziergang in der Regel zugunsten des Sitzmöbels beeinflusst. Usselig: ein Zustand irgendwo zwischen ungemütlich und ekelhaft, zu warm für die Winterjacke und zu kalt für die Herbstjacke, zu dunkel für einen ordentlichen Tag, aber zu hell, um sich mit gutem Gewissen wieder ins Bett zu legen, zu nass zum Spazieren aber nicht nass genug, um lästige Einkäufe aufzuschieben. Eine überaus praktische Vokabel, wie Sie sehen. Und universell, denn neben dem Wetter lässt sich damit im Prinzip jede Lebenssituation beschreiben (Ähnliches gilt übrigens für das gegenteilige lecker). Und jeder Gegenstand.

Natürlich birgt der kölsche Dialekt noch unzählige weitere Genialitäten, aber für heute lass ich es gut sein und verabschiede mich – wie sollte es anders sein – mit den ersten drei Paragraphen des kölschen Grundgesetzes:
§1 Et es, wie et es.*
§2 Et kütt, wie et kütt.*
§3 Et hätt noch immer jot jejange.*

 

* Kleines Kölsch-Wörterbuch:
denn do ben ich zohuss = denn da bin ich zuhause
ne kölsch Mädche = ein kölsches Mädchen
fiese Möpp = Idiot
sun Driss = so eine Scheiße
ming kölsches Hätz = mein kölsches Herz
wenn et Trömmelsche jeht = wenn die Trommel ertönt
da ben isch dobei = da bin ich dabei
en unserem Veedel = in unserem Viertel
mir sin evve janz schön sentimentaal = wir sind eben ganz schön sentimental
usselig = bäh (z. B. Wetter)
et es, wie et es = es ist, wie es ist
et kütt, wie et kütt = es kommt, wie es kommt
et hätt noch immer jot jejange = es ist noch immer gut gegangen

Silvesterliche Selbstgespräche

„Heute ist Silvester.“ Keine Antwort. Kein Wunder, von wem auch. Es war neun Uhr morgens und ich saß alleine in der Küche. In Gesprächslaune. Während der wunderbare Mann an meiner Seite nicht an meiner Seite war, sondern friedlich schlummernd im Bett lag. Wecken war keine Option, da die männliche Gesprächslaune erst nach Unmengen Kaffee und einer Stunde Brummelschweigen erwachen würde. (Brummelschweigen: die regel- oder unregelmäßige Abgabe müder Grunzlaute während eines morgendlichen Wortschwalls.) Da könnte ich gleich mit der Wand reden. „Stimmt doch“, murmelte ich und richtete meinen Blick gen Küchenwand. Meine Augen blieben an einem Riss hängen, der ein bisschen aussah wie ein Lächeln. Eigentlich mehr ein Grinsen. Meine Küchenwand grinste mich höhnisch an. Soweit war es also schon gekommen. Bitte – ich brauchte sie nicht. Ich hatte doch einen Gesprächspartner. Den besten überhaupt: mich selbst! Selbstgespräche sollen ja angeblich sehr gesund sein. Na, dann mal los.

„Heute ist Silvester.“ – „Hmm.“ – „Silvester kommt aus dem Lateinischen und bedeutet eigentlich Waldmensch.“ – „Soso.“ – „Nicht interessant?“ – „Nein.“ – „Okay. Weißt du, was ich mich schon lange frage? Warum wünscht man sich in Deutschland eigentlich einen guten Rutsch? Also, worein oder wohin soll man denn rutschen und worauf eigentlich? Und warum rutschen?“ – „Weiß ich auch nicht. Frag doch mal das Internet.“ – „Das Internet ist sich nicht einig. Es könnte aus dem Jiddischen kommen. Andererseits hieß rutschen früher wohl auch reisen oder fahren. Das klingt doch einigermaßen plausibel. Man wünscht eine gute Reise ins neue Jahr.“ – „Aha.“
Irgendwie hatte ich mir ein Selbstgespräch ja aufregender vorgestellt. Weniger einsilbig. Es war wohl doch noch zu früh, um mehr als ein Ich in Gesprächslaune zu bringen.

„Weißt du, was ich mich noch frage?“ – „Du fragst dich ganz schön viel.“ – „Kann sein. Ich frage mich auf jeden Fall, warum Vorsätze Vorsätze heißen. Was soll denn ein Vorsatz sein? Ein Satz vor einem Satz? Dann wären richtige Sätze aber doch besser als Vorsätze.“ – „Nee, kommt aus dem Mittelhochdeutschen ‚vürsaz‘ (Vorhaben/Absicht), das sich wiederum vom Althochdeutschen ’sezzen‘ (aufstellen, festlegen) ableitete.“ – „Woher weißt du das denn??“ – „Internet.“

Ein plötzliches Quietschen ließ mich verstummen. Die Küchentür öffnete sich langsam. Ein knurriger Grunzlaut, der entfernt an das Wort „Kaffee“ erinnerte, brummelte mir entgegen. Der Countdown lief. Noch eine Stunde bis Gesprächslaune.